Wie leicht es sich biegt/(bis es bricht)

Stephanie Hollenstein, Historisches Archiv Lustenau, Nachlass Stephanie Hollenstein, StHo 13/24, Urheber: unbekannt

Frie|de, Fried|den, der Substantiv, maskulin, Friede, [friːdə] Ein Zustand von Stille und Harmonie. z.B. ein Staat ohne Störungen des öffentlichen Lebens. Abwesenheit von Gewalt, Angst und anderen Störungen. (Transparent an der Volksschule Kirchdorf, Lustenau, 2022)

Auf der Suche nach dem
Ehrengrab jener früher sehr bekannten
Nazi-Malerin, s
o viel Marmor und Granit, als ob
die Schwere von Verlusten durch Steine aufgewogen würde.
Das größte Steingebirge ist ein Kriegerdenkmal. Ganz oben, eine
gebeugte Gestalt, die sich so tief in ihr Gewand zurückgezogen hat, dass
ein Gesicht erst aus der Nähe zu erkennen ist. Wozu hat sie ein Schwert dabei?
Um sich in ihrer Trauer schwer darauf zu stützen, es bis zum Heft in das da-runterliegende Gestein zu stoßen? Um es zu zerbrechen? (Nie wieder Krieg?)
Nein, sie trägt es nah bei sich (am Herzen), als wäre ihr, von allen Dingen,
nur das Schwert geblieben. Keine Inschrift, kein Mein ist die Vergeltung
(so wie damals angedacht), nur Trauer und ein Schwert,
als ob noch nicht entschieden wäre,
            wie es jetzt weitergeht  —

 

Wir wissen, wie es weiterging
(wir kennen die Geschichte), aber damals
hat das Denkmal viele Menschen so beschäftigt und den
Künstler so zermürbt, dass er bald aus freien Stücken hingeschmissen
hätte. (Später schicken ihn die Nazis in den Ruhestand, obwohl sich eine
Nazi-Freundin bis zuletzt für ihn verwendet. Sein Denkmal hat er damals an-
gepasst; die grobe Kubatur gebrochen, scharfe Kanten abgerundet und
ein Schwert hinzugefügt, wo vorher keines war. Nur im Kern ist sich
das Denkmal treu geblieben: Trauer, in sich gekehrt und
            unentschieden, wie es jetzt weitergeht —

 

Von hier aus sind es nur
wenige Schritte bis zum Ehrengrab der Nazi-
Freundin. Kein Sturm der Entrüstung kann sie mehr erreichen,
während sie bis heute provoziert, der ihr nur ein bisschen näher kommt;
als genderfluider Frontsoldat, Liebes Fräulein Hollenstein, Parteimitglied der
ersten Stunde, verboten freie Künstlerin, besten Freunden treu ergeben,
als andere ins Lager gehen und die Nachwelt durch eine Schenkung
verpflichtend, niemals zu vergessen, wie leicht es
           sich biegt/(bis es bricht) —

(So viel Marmor und Granit,
            überall so viel Marmor und Granit!)

Wie leicht es sich biegt/(bis es bricht), 2022

foto: Kriegerdenkmal „Trauernde Frau“ von Albert Bechtold, 1926-32, Lustenau, eigenes Bild, 2022

Der Text bezieht sich auf das seinerzeit umstrittene Lustenauer Kriegerdenkmal von Albert Bechtold und auf das (nahegelegene) Ehrengrab der Lustenauer Malerin und NS-Kunst-Funktionärin Stephanie Hollenstein, die sich bis zuletzt für ihren (politisch nicht mehr entsprechenden) Künstlerfreund Albert Bechtold einsetzt, am Ende allerdings vergeblich. Ihren gesamten Nachlass (Bilder, Briefe etc.) inklusive Haus und Grundstück, vermachen die Erben (wohl den Wünschen der Künstlerin entsprechend) ihrer Heimatgemeinde. Heute befindet sich dort u.a. das Depot der Sammlung Hollenstein.

Stephanie Hollenstein, Historisches Archiv Lustenau, Nachlass Stephanie Hollenstein, StHo 13/24, Urheber: unbekannt

Frie|de, Fried|den, der Substantiv, maskulin, Friede, [friːdə] Ein Zustand von Stille und Harmonie. z.B. ein Staat ohne Störungen des öffentlichen Lebens. Abwesenheit von Gewalt, Angst und anderen Störungen. (Transparent an der Volksschule Kirchdorf, Lustenau, 2022)

Auf der Suche nach
dem Ehrengrab jener früher sehr
bekannten Nazi-Malerin, s
o viel Marmor und
Granit, als ob die Schwere von Verlusten durch Steine auf-

gewogen würde. Das größte Steingebirge ist ein Kriegerdenkmal.
Ganz oben, eine gebeugte Gestalt, die sich so tief in ihr Gewand zurück-gezogen hat, dass ein Gesicht erst aus der Nähe zu erkennen ist. Wozu
hat sie ein Schwert dabei? Um sich in ihrer Trauer schwer darauf zu
stützen, es bis zum Heft in das darunterliegende
Gestein zu stoßen?
Um es zu zerbrechen? (Nie wieder Krieg?) Nein, sie trägt es nah bei
sich (am Herzen), als wäre ihr, von allen Dingen, nur das Schwert geblieben. Keine Inschrift, kein Mein ist die Vergeltung (so wie
damals angedacht), nur Trauer und ein Schwert,
als ob noch nicht entschieden wäre, wie 
             es jetzt weitergeht  —

Wir wissen, wie es weiterging
(wir kennen die Geschichte), aber damals
hat das
Denkmal viele Menschen so beschäftigt und
den Künstler so zermürbt, dass er bald aus freien Stücken hinge-
schmissen hätte. (Später 
schicken ihn die Nazis in den Ruhestand,
obwohl sich eine Nazi-Freundin bis zuletzt für ihn verwendet.) Sein
Denkmal hat er damals angepasst; die grobe Kubatur gebrochen,
scharfe Kanten abgerundet und ein Schwert hinzugefügt, wo vorher
keines war. Nur im Kern ist sich das Denkmal treu geblieben:
Trauer, in sich gekehrt und unentschieden,
             wie es jetzt weitergeht — 

 

Von hier aus sind es
nur wenige Schritte
bis zum Ehrengrab
der Nazi-Freundin. Kein Sturm der Entrüstung kann sie
mehr erreichen, während sie bis heute provoziert; jeden, der ihr
nur ein bisschen näher kommt, als genderfluider Frontsoldat/Liebes
Fräulein Hollenstein!,
verboten freie Künstlerin/Parteimitglied der ersten Stunde, besten Freunden 
treu ergeben/als andere ins Lager gehen
und die Nachwelt durch 
eine Schenkung verpflichtend,
niemals zu vergessen, wie leicht es sich
            biegt/
(bis es bricht) —

 

(So viel Marmor und Granit!
               Überall Marmor und Granit)

Wie leicht es sich biegt/(bis es bricht), 2022

foto: Kriegerdenkmal „Trauernde Frau“ von Albert Bechtold, 1926-32, Lustenau, eigenes Bild, 2022

Der Text bezieht sich auf das seinerzeit umstrittene Lustenauer Kriegerdenkmal von Albert Bechtold und auf das (nahegelegene) Ehrengrab der Lustenauer Malerin und NS-Kunst-Funktionärin Stephanie Hollenstein, die sich bis zuletzt für ihren (politisch nicht mehr entsprechenden) Künstlerfreund Albert Bechtold einsetzt, am Ende allerdings vergeblich. Ihren gesamten Nachlass (Bilder, Briefe etc.) inklusive Haus und Grundstück, vermachen die Erben (wohl den Wünschen der Künstlerin entsprechend) ihrer Heimatgemeinde. Heute befindet sich dort u.a. das Depot der Sammlung Hollenstein.

Stephanie Hollenstein, Historisches Archiv Lustenau, Nachlass Stephanie Hollenstein, StHo 13/24, Urheber: unbekannt

Frie|de, Fried|den, der Substantiv, maskulin, Friede, [friːdə] Ein Zustand von Stille und Harmonie. z.B. ein Staat ohne Störungen des öffentlichen Lebens. Abwesenheit von Gewalt, Angst und anderen Störungen. (Transparent an der Volksschule Kirchdorf, Lustenau, 2022)

Auf der Suche nach dem Ehrengrab jener früher sehr bekannten Nazi-Malerin, so viel Marmor und Granit, als ob die Schwere von Verlusten durch Steine aufgewogen würde. Das größte Steingebirge ist ein Kriegerdenkmal. Ganz oben, eine gebeugte Gestalt, die sich so tief in ihr Gewand zurückgezogen hat, dass ein Gesicht erst aus der Nähe zu erkennen ist. Wozu hat sie ein Schwert dabei? Um sich in ihrer Trauer schwer darauf zu stützen, es bis zum Heft in das darunterliegende Gestein zu stoßen? Um es zu zerbrechen? (Nie wieder Krieg?) Nein, sie trägt es nah bei sich (am Herzen), als wäre ihr, von allen Dingen, nur das Schwert geblieben. Keine Inschrift, kein Mein ist die Vergeltung (so wie damals angedacht), nur Trauer und ein Schwert, als ob noch nicht entschieden wäre, wie es jetzt weitergeht  —

 

Wir wissen, wie es weiterging
(wir kennen die Geschichte), aber damals hat das
Denkmal viele Menschen so beschäftigt und den Künstler so zermürbt, dass er fast aus freien Stücken hingeschmissen hätte. (Später schicken ihn die Nazis in den Ruhestand, obwohl sich eine Nazi-Freundin bis zuletzt für ihn verwendet.) Sein Denkmal hat er damals angepasst; die grobe Kubatur gebrochen, scharfe Kanten abgerundet und ein Schwert hinzugefügt, wo vorher keines war. Nur im Kern ist sich das Denkmal treu geblieben: Trauer, in sich gekehrt und unentschieden, wie es jetzt weitergeht. Von hier aus sind es nur wenige Schritte bis zum Ehrengrab der Nazi-Freundin. Kein Sturm der Entrüstung kann sie mehr erreichen, während sie
bis heute provoziert; jeden, der ihr ein bisschen näher kommt, als genderfluider Frontsoldat, 
Liebes Fräulein Hollenstein!, verboten freie Künstlerin, Parteimitglied der ersten Stunde, besten Freunden treu ergeben, als andere ins Lager gehen und die Nachwelt durch eine Schenkung verpflichtend, niemals zu vergessen, wie leicht es sich biegt/(bis es bricht) —

(So viel Marmor und Granit, überall Marmor/Granit)!

Wie leicht es sich biegt/(bis es bricht), 2022

foto: Kriegerdenkmal „Trauernde Frau“ von Albert Bechtold, 1926-32, Lustenau, eigenes Bild, 2022

Der Text bezieht sich auf das seinerzeit umstrittene Lustenauer Kriegerdenkmal von Albert Bechtold und auf das (nahegelegene) Ehrengrab der Lustenauer Malerin und NS-Kunst-Funktionärin Stephanie Hollenstein, die sich bis zuletzt für ihren (politisch nicht mehr entsprechenden) Künstlerfreund Albert Bechtold einsetzt, am Ende vergeblich. Ihren gesamten Nachlass (Bilder, Briefe etc.) inklusive Haus und Grundstück, vermachen die Erben (wohl den Wünschen der Künstlerin entsprechend) ihrer Heimatgemeinde. Heute befindet sich dort u.a. das Depot der Sammlung Hollenstein.