Zum Glück! (Misteln)

Weißbeerige Mistel (Viscum album) by Florapic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie es kracht unter frostigen
Schritten und bricht unter frostigen Schritten
zum Auwald, wo die schönsten Misteln wachsen. Manchmal
wirft der Sturm uns eine vor die Füße, obwohl sie, wenn sie wirken soll,
den
Boden nicht berühren darf: Von Natur aus abgehoben, besteht sie bis zum
Schluss auf ihrem Wohnsitz über uns, verreist (wenn überhaupt) nur mit Vögeln, womöglich zu den fernsten Göttern, jedenfalls zum nächsten Wirt. Aber was, wenn
der Wind Geschenke macht? Nicht, dass Glück aus eigener Kraft unmöglich zu erreichen wäre. Viele Bäume hier sind derart überwuchert, dass es gar kein Glück sein kann. Was es auch ist, es bleibt zunächst unsichtbar: ein Mistelsamen klebt
sich fest und wächst nach Innen. Erst wenn die Wurzeln jenen großen Strom erreichen (und die darin gelösten Salze), treibt der Keim Blätter aus. Erst zwei,
dann vier, dann acht, ein grün geballtes Feuerwerk erhellt Jahrzehnte. Die
Schönsten wachsen ganz weit oben. Hätten wir nicht Mut und Sägen, sie wären unerreichbar. Wir befreien einen von zehntausend Bäumen von der Last des Halbschmarotzers oder warten auf den Sturm. Dann hängt die Mistel vor
dem Haus; erinnert uns (wann immer wir es nötig haben), wie es kracht
unter frostigen Schritten und bricht unter frostigen Schritten, wie es
sich streckt oder bückt, weil es einfach so daliegt,
              bis einer kommt, es aufzuheben —

 

So groß ist der Aberglauben der Menschen in nichtigen Dingen.*
              Zum Glück! Zum Glück!

Zum Glück! (Misteln)             foto: Naturschutzgebiet Rheindelta, eigenes Bild, 2022

*Plinius d.Ä.: So groß ist häufig der Aberglauben der Völker in nichtigen Dingen/tanta gentium in rebus frivolis plerumque religio est. Quelle: Andreas Hofender, Plinius und die Druiden, Überlegungen zu naturalis historia 16, 249–251, via www.keltenwelt-glauberg.de

Weißbeerige Mistel (Viscum album) by Florapic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie es kracht unter
frostigen Schritten und bricht unter
frostigen Schritten zum Auwald, wo die schönsten
Misteln wachsen. Manchmal wirft der Sturm uns eine vor die
Füße, obwohl sie, wenn sie wirken soll, den
Boden nicht berühren
darf: Von Natur aus abgehoben, besteht sie bis zum Schluss auf ihrem Wohnsitz über uns, verreist (wenn überhaupt) nur mit Vögeln, womöglich
zu den fernsten Göttern, jedenfalls zum nächsten Wirt. Aber was, wenn
der Wind Geschenke macht? Nicht, dass Glück aus eigener Kraft un-
möglich zu erreichen wäre. Viele Bäume hier sind derart überwuchert,
dass es gar kein Glück sein kann. Was es auch ist, es bleibt
zunächst unsichtbar: ein Mistelsamen klebt sich fest
             und wächst nach Innen.
            

Erst wenn die Wurzeln
jenen großen Strom erreichen (und die
darin gelösten Salze), treibt der Keim Blätter aus.
Erst zwei, dann vier, dann acht, ein grün geballtes Feuerwerk
erhellt Jahrzehnte. Die Schönsten wachsen ganz weit oben. Hätten
wir nicht Mut und Sägen, sie wären unerreichbar. Wir befreien einen
von zehntausend Bäumen von der Last des Halbschmarotzers oder
warten auf den Sturm. Dann hängt die Mistel vor dem Haus; erinnert 
uns (wann immer wir es nötig haben), wie es kracht unter frostigen
Schritten und bricht unter frostigen Schritten, wie es sich
streckt oder bückt, weil es einfach so daliegt, bis einer
              kommt, es aufzuheben —

 

So groß ist der
Aberglauben der Menschen in nichtigen Dingen.*

              Zum Glück! Zum Glück!

Zum Glück! (Misteln)           

foto: Naturschutzgebiet Rheindelta, eigenes Bild, 2022

*Plinius d.Ä.: So groß ist häufig der Aberglauben der Völker in nichtigen Dingen/tanta gentium in rebus frivolis plerumque religio est. Quelle: Andreas Hofender, Plinius und die Druiden, Überlegungen zu naturalis historia 16, 249–251, via www.keltenwelt-glauberg.de

Weißbeerige Mistel (Viscum album) by Florapic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie es kracht unter frostigen
Schritten und bricht unter frostigen Schritten zum Auwald, wo die schönsten Misteln wachsen. Manchmal wirft der Sturm uns eine vor die Füße, obwohl sie, wenn sie wirken soll, den
Boden nicht berühren darf: Von Natur aus abgehoben, besteht sie bis zum Schluss auf ihrem Wohnsitz über uns, verreist (wenn überhaupt) nur mit Vögeln, womöglich zu den fernsten Göttern, jedenfalls zum nächsten Wirt. Aber was, wenn der Wind Geschenke macht? Nicht, dass Glück aus eigener Kraft unmöglich zu erreichen wäre. Viele Bäume hier sind derart überwuchert, dass es gar kein Glück sein kann. Was es auch ist, es bleibt zunächst unsichtbar: ein Mistelsamen klebt sich fest und wächst nach Innen. Erst wenn die Wurzeln jenen großen Strom erreichen (und die darin gelösten Salze), treibt der Keim Blätter aus. Erst zwei, dann vier, dann acht, ein grün geballtes Feuerwerk erhellt Jahrzehnte. Die Schönsten wachsen ganz weit oben. Hätten wir nicht Mut und Sägen, sie wären unerreichbar. Wir befreien einen von zehntausend Bäumen von der Last des Halbschmarotzers oder warten auf den Sturm. Dann hängt die Mistel vor dem Haus; erinnert uns (wann immer wir es nötig haben), wie es kracht unter frostigen Schritten und bricht unter frostigen Schritten, wie es sich streckt oder bückt, weil es einfach so daliegt, bis einer kommt, es aufzuheben —

So groß ist der Aberglauben der Menschen in nichtigen Dingen.* Zum Glück! Zum Glück!

Zum Glück! (Misteln)    

foto: Naturschutzgebiet Rheindelta, eigenes Bild, 2022

*Plinius d.Ä.: So groß ist häufig der Aberglauben der Völker in nichtigen Dingen/tanta gentium in rebus frivolis plerumque religio est. Quelle: Andreas Hofender, Plinius und die Druiden, Überlegungen zu naturalis historia 16, 249–251, via www.keltenwelt-glauberg.de