
Wir hören die schwimmende
Kiesfabrik, lange bevor wir die Hasen bemerken,
die sich scheu ins Dunkel ducken, das jetzt nach und nach
zurückweicht, bis wir die Details erkennen: Förderbänder, Trichter, Brücken
und den großen Raupenbagger, der die Schaufel wie ein Senkblei fallen lässt,
Kies (vermischt mit Sand) hochholt, während Wasser über Schaufelzähne
rinnt wie Geifer. Links und rechts vom toten Fluss, zwei Streifen schilf-
und schlick-bedecktes Land, wo Mandalas aus glattgespülten
Steinen versöhnlich eine Ordnung ehren, der wir uns
niemals kampflos ergeben —
Zwei, drei Kilometer weiter
ragen Brückenpfeiler aus dem Schwemmland;
Wenn tonnenschwere Stahlhohlkästen über ihre Lager gleiten,
wird kein Ton zu hören sein. Nur das versammelte Schweigen der Fische
und der Flügelschlag von Enten, die das Wunder überfliegen, weil sie keine
Worte haben, wie aus Sand und Kies vom Fluss (vermischt mit Wasser und
Zement) der weltberühmte Baustoff wird, der alle Lasten schultert und
(ungeachtet seiner miesen Energiebilanz) uns miteinander verbindet,
selbst dann, wenn Wasser kommt wie nie zuvor und
nie mehr später (weil die Gletscher schon
lange verschwunden sind) —
Die Schadenspotentiale haben wir
längst durchgerechnet. Wer kann sich die Zahlen merken?
Bilder sinken tiefer ein und tauchen wieder auf, wie das von einer Kröte,
die (schon während sich die Nacht auf sie heruntersenkt) im Fluss
auf einem Treibholz sitzt, ganz allein und trutzig geduckt,
unterwegs in den neuen Morgen —
Am Alpenrhein, 2021
Foto: Baustelle Reinbrücke Hard/Fußach, eigenes Bild, 2021
Wegen seiner schwindenden Artenvielfalt und der geringen Bestandsdichte gilt der Alpenrhein als „größte Flussleiche Europas“, Mathias Jungwirth, fischökologisches Monitoring Alpenrhein 2019, in: Vorarlberger Fischerei, Jan. und Feb. 2021
Der Text ist im April 2022 in der Literaturzeitschrift Am Erker (Nr. 82) erschienen.

Wir hören die schwimmende
Kiesfabrik, lange bevor wir die Hasen bemerken,
die sich scheu ins Dunkel ducken, das jetzt nach und nach
zurückweicht, bis wir die Details erkennen: Förderbänder, Trichter,
Brücken und den großen Raupenbagger, der die Schaufel wie ein
Senkblei fallen lässt, Kies vermischt mit Sand hochholt, während Wasser über Schaufelzähne rinnt wie Geifer. Links und rechts vom toten Fluss,
zwei Streifen schilf- und schlickbedecktes Land, wo Mandalas aus glattgespülten Steinen versöhnlich eine Ordnung ehren, der wir
uns niemals kampflos ergeben —Zwei, drei Kilometer weiter
ragen Brückenpfeiler aus dem Schwemmland.
Wenn tonnenschwere Stahlhohlkästen über ihre Lager gleiten,
wird kein Ton zu hören sein. Nur das versammelte Schweigen der Fische
und der Flügelschlag von Enten, die das Wunder überfliegen, weil sie keine
Worte haben, wie aus Sand und Kies vom Fluss (vermischt mit Wasser
und Zement) der weltberühmte Baustoff wird, der alle Lasten schultert
und (ungeachtet seiner miesen Energiebilanz) uns miteinander verbindet, wenn Wasser kommt wie nie zuvor und nie mehr später (weil die
Gletscher schon lange verschwunden sind) —
Die Schadenspotentiale
haben wir längst durchgerechnet.
Wer könnte sich die Zahlen merken? Bilder sinken
tiefer ein und tauchen wieder auf, wie das von einer Kröte, die (schon während sich die Nacht auf sie herunter senkt) im Fluss auf
einem Treibholz sitzt, ganz allein und trutzig geduckt,
unterwegs in den neuen Morgen.
Am Alpenrhein, 2021
Foto: Baustelle Reinbrücke Hard/Fußach, eigenes Bild 2021
Wegen seiner schwindenden Artenvielfalt und der geringen Bestandsdichte
gilt der Alpenrhein als „größte Flussleiche Europas“, Mathias Jungwirth, fischökologisches Monitoring Alpenrhein 2019, in: Vorarlberger Fischerei, Jan. und Feb. 2021
Der Text ist im April 2022 in der Literaturzeitschrift Am Erker (Nr.82) erschienen.

Wir hören die schwimmende
Kiesfabrik, lange bevor wir
die Hasen bemerken, die sich scheu ins Dunkel ducken, das jetzt nach und nach zurückweicht, bis wir die Details erkennen: Förderbänder, Trichter, Brücken und den großen Raupenbagger, der die Schaufel wie ein Senkblei
fallen lässt, Kies vermischt mit Sand hochholt, während Wasser über Schaufelzähne rinnt wie Geifer. Links und rechts vom toten Fluss, zwei Streifen schilf- und schlickbedecktes Land, wo Mandalas aus glattgespülten Steinen versöhnlich eine Ordnung ehren, der wir uns niemals kampflos ergeben —Zwei, drei Kilometer weiter
ragen Brückenpfeiler aus dem Schwemmland. Wenn
tonnenschwere Stahlhohlkästen über ihre Lager gleiten, wird kein Ton zu hören sein. Nur das versammelte Schweigen der Fische und der Flügelschlag
von Enten, die das Wunder überfliegen, weil sie keine Worte haben, wie aus Sand und Kies vom Fluss (vermischt mit Wasser und Zement) der weltberühmte Baustoff wird, der alle Lasten schultert und (ungeachtet seiner miesen Energiebilanz) uns alle miteinander verbindet, wenn Wasser kommt wie nie zuvor und nie mehr später (weil die Gletscher schon lange verschwunden sind) —Die Schadenspotentiale haben wir längst durchgerechnet. Wer kann sich die Zahlen merken? Bilder sinken tiefer ein und tauchen wieder auf, wie das von einer Kröte, die (schon während sich die Nacht auf sie heruntersenkt) im Fluss auf einem Treibholz sitzt, ganz allein und trutzig geduckt, unterwegs in den neuen Morgen —
Am Alpenrhein, 2021
Foto: Baustelle Reinbrücke
Hard/Fußach, eigenes Bild, 2021
Wegen der schwindenden Artenvielfalt und seiner geringen Bestandsdichte gilt der Alpenrhein als „größte Flussleiche Europas“, Mathias Jungwirth, fischökologisches Monitoring Alpenrhein 2019, in: Vorarlberger Fischerei, Jan. und Feb. 2021
Der Text ist im April 2022 in der Literaturzeitschrift Am Erker (Nr. 82) erschienen.
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