Talfahrt mit Heinrich (Alle Berge)

The Säntis ropeway in Schwägalp (Switzerland) by Markus Beck, via istockphoto.com

Sanfte Gesichter,
talwärts gewendet (die Berge waren
schroff genug); ein Reiseführer, mit Schiebermütze und
Koteletten, quasi Lokführer von anno dazumal (obwohl er später
als Chauffeur im Reisebus nach Stuttgart
sitzt); seine knappe Empfehlung
zum Druckausgleich („Zehen krümmen, dabei schlucken“) kommt so freundlich-routiniert, dass ich mir (außer Bahnhof) gar nichts dabei denke, bis die ganze
Gondel lacht; ein greises Paar, das sich so innig an den Händen hält, wie das
früher üblich war (in jenen Kriegs- und Krisenzeiten, im Blick für immer Gipfel, Kreuze); in Fetzen ein Gedicht Szymborskas (in dem sie Tote um Vergebung
bittet, weil sie kaum mehr an sie denkt); ein Behindertenbetreuer, der grade mal
zwei Schäfchen hat; eins heißt Heinrich, der uns warnt (die Mittelstütze!);
das sackende Gefühl im Bauch, das unbändige Juchzen Heinrichs,
die Gewissheit, dass wir alle, auf Verzicht längst eingeschworen, 
alle Berge brauchen, polnische Gedichte, Heinrich,
             ganz besonders Heinrich.

Frage, viel zu groß für
diese Gondel (fürs Gedicht): Wann werden wir uns wieder
             an den Händen halten?

Talfahrt mit Heinrich (Alle Berge), 2022

Foto: Unter einem kleinen Stern (Ausschnitt), eigenes Bild, 2022, aus: Hundert Freuden, Gedichte, Wisława Szymborska, Frankfurt am Main 1996

The Säntis ropeway in Schwägalp (Switzerland) by Markus Beck, via istockphoto.com

Sanfte Gesichter,
talwärts gewendet (die Berge waren
schroff genug); ein Reiseführer, mit Schiebermütze
und Koteletten, quasi 
Lokführer von anno dazumal (obwohl
er später im Reisebus nach 
Stuttgart sitzt); seine knappe Empfehlung
zum Druckausgleich („Zehen krümmen, dabei schlucken“) kommt
so freundlich-routiniert, dass ich mir (außer Bahnhof) gar nichts dabei denke, bis die ganze Gondel lacht; ein greises Paar, das sich so innig an den Händen hält, wie das früher üblich war, in jenen Kriegs- und Krisenzeiten
(im Blick für immer Gipfel, Kreuze)
; in Fetzen, ein Gedicht Szymborskas;
in dem sie Tote um Vergebung bittet, weil sie kaum mehr an sie denkt,
ein Behindertenbetreuer, der grade mal zwei Schäfchen hat (eins heißt Heinrich); der uns warnt (die Mittelstütze!); das sackende Gefühl im
Bauch, das unbändige Juchzen Heinrichs, die Gewissheit
, dass 
wir alle (auf Verzicht längst eingeschworen) alle Berge 
brauchen, polnische Gedichte, Heinrich,
            
ganz besonders Heinrich —

 

Frage, viel zu groß für
diese Gondel (fürs Gedicht): Wann werden wir uns
             wieder
 an den Händen halten?

Talfahrt mit Heinrich (Alle Berge), 2022             

Foto: Unter einem kleinen Stern (Ausschnitt), eigenes Bild, 2022, aus: Hundert Freuden, Gedichte, Wisława Szymborska, Frankfurt am Main 1996

The Säntis ropeway in Schwägalp (Switzerland) by Markus Beck, via istockphoto.com

Sanfte Gesichter, talwärts gewendet (die Berge waren schroff genug); ein Reiseführer, mit Schiebermütze und Koteletten á la Lokführer von anno dazumal (obwohl er später als Chauffeur im Reisebus nach Stuttgart sitzt); seine knappe Empfehlung zum Druckausgleich („Zehen krümmen, dabei schlucken“) kommt so freundlich-routiniert, dass ich mir (außer Bahnhof) gar nichts dabei denke, bis die ganze Gondel lacht; ein greises Paar, das sich so innig an den Händen hält, wie das früher üblich war (in jenen Kriegs- und Krisenzeiten, im Blick für immer Gipfel, Kreuze); in Fetzen, ein Gedicht Szymborskas, in dem sie Tote um Vergebung bittet (weil sie kaum mehr an sie denkt); ein Behindertenbetreuer, der grade mal zwei Schäfchen hat (eins heißt Heinrich); der uns warnt (die Mittelstütze!); das sackende Gefühl im Bauch, das unbändige Juchzen Heinrichs, die Gewissheit, dass wir alle (auf Verzicht längst eingeschworen) alle Berge brauchen, polnische Gedichte, Heinrich, ganz besonders Heinrich —

 

Frage, viel zu groß für diese Gondel (fürs Gedicht): Wann werden wir uns wieder an den Händen halten?

Talfahrt mit Heinrich (Alle Berge), 2022             

Foto: Unter einem kleinen Stern (Ausschnitt), eigenes Bild, 2022, aus: Hundert Freuden, Gedichte, Wisława Szymborska, Frankfurt am Main 1996