Bilderstürmer

Baumheiligtum Panagia Plataniotissa (Kalavryta, Greece) by Leamus, via istockphoto.com

Ich verstehe Bilderstürmer
und
ich verstehe sie nicht. Immer wieder
sind es
Bilder; flüchtig oder tief verwurzelt wie die mächtige
Platane im gebuckelten Asphalt. K
ein Schatten ist uns so willkommen,
sprach
vor langer Zeit ein König* auf dem Weg in einen Krieg (typisch König)
und beschenkt den Baum (eine Platane) reich mit Gold (unsterbliche Geschichte).
Den Krieg verliert er doch. Und seine Königin? Ist inzwischen alt geworden.
Nicht zu verbergendes Zittern beim Sichten der Münzen an der Supermarkt-
Kasse. Ich riskiere einen Blick in ihr Gesicht: uraltes Vogelei,
               behutsam in ein Kopftuch gebunden.

 

Vorsichtig, nicht drängeln!
Geduldig in der Schlange stehen; sie reicht
weit in unsrer Zeit zurück. Wir sind Frauen, wir sind Männer
mit gesenkten Köpfen, als wären wir geblendet nur vom Kerzenlicht.
Es spiegelt sich
im Gold der Bilder. Sie sind zum Brechen schwer behangen;
mit Ketten, Broschen, Perl-Ohrringen, kiloweise Schmuck zum Dank oder als Vorauszahlung. Traumwandlerisch bewegen wir uns in der Schlange vorwärts; 
sehen (mit Befremden) Menschen vor den Bildern auf die Knie gehen, sie
vertrauensvoll berühren; mit der Hand zum Mund,
zum Bild, zum Herzen,
immer wieder, bis wir selber vorne stehen,
wo Schwerkraft
uns herunterzieht (auf die samtbespannte Bank)
             und der klare Blick
verschwimmt —

 

Nichts wie weg;
dagegenstemmen (gegen viel zu
schwere Türen, wachsende Ohnmachtsgefühle); draußen reichlich Sauerstoff
beim Anblick alter Platanen. (Ich verstehe Bilderstürmer
               und ich verstehe sie nicht.)

Bilderstürmer, 2021/22           

foto: Ikonostase, St. Nikolaus Kathedrale, Wien, by Bwag, via Wikimedia Commons

* vom persischen Großkönig Xerxes berichtet Herodot, dass er auf seinem Feldzug gegen die Griechen eine besonders stattliche Platane ehrt, indem er sie reich mit Gold beschenkt und einen Unsterblichen/Soldaten eigens zu ihrem Schutz abstellt. Die Legende lebt in der berühmten Anfangsarie der Oper „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel weiter, in der Xerxes den Schatten einer Platane besingt (Ombra mai fù).

Ausschlaggebend für meinen Text war die Begegnung mit einer Platane (Platanus orientalis) am Rennweg 14 in Wien, die heute als Mozart- (oder Jacquin)-Platane bekannt ist. Gleich um die Ecke (Jauresgasse 2) befindet sich die russisch-orthodoxe St. Nikolaus Kathedrale, wo einzelne Ikonen mit Schmuckstücken privater Bittsteller regelrecht beladen sind. „Bilderstürmer“ ist mein (verspäteter) Beitrag zum Luther-Jahr 2021. Für 2022 wünsche ich uns allen das Beste und „Dass uns die Bilder nicht ausgehen. Dass uns zuletzt das Rätsel errettet“ (aus: Gruß an Corinth, Rainer Malkowski, 1924)

Baumheiligtum Panagia Plataniotissa (Kalavryta, Greece) by Leamus, via istockphoto.com

Ich verstehe Bilderstürmer
und
ich verstehe sie nicht. Immer wieder sind es
Bilder; flüchtig oder tief verwurzelt
wie die mächtige Platane
im gebuckelten Asphalt. K
ein Schatten ist uns so willkommen, sprach vor
langer Zeit ein König
* auf dem Weg in einen Krieg (typisch König) und beschenkt den Baum (eine Platane) reich mit Gold (unsterbliche Geschichte). Den Krieg verliert er doch. Und seine Königin? Ist inzwischen alt geworden. Nicht zu verbergendes Zittern beim Sichten der Münzen an der Supermarkt-
Kasse. Ich riskiere einen Blick in ihr Gesicht: uraltes Vogelei,
               behutsam in ein Kopftuch gebunden.

 

Vorsichtig, nicht drängeln!
Geduldig in der Schlange stehen; sie reicht
weit in unsrer Zeit zurück. Wir sind Frauen, wir sind Männer
mit gesenkten Köpfen, als wären wir geblendet nur vom Kerzenlicht.
Es spiegelt sich
im Gold der Bilder. Sie sind zum Brechen schwer behangen;
mit Ketten, Broschen, Perl-Ohrringen, kiloweise Schmuck zum Dank oder als Vorauszahlung. Traumwandlerisch bewegen wir uns in der Schlange vorwärts;  sehen (mit Befremden) Menschen vor den Bildern auf die Knie gehen,
sie vertrauensvoll berühren; mit der Hand zum Mund,
zum Bild, zum Herzen,
immer wieder, bis wir selber vorne stehen,
wo Schwerkraft uns
herunterzieht (auf die samtbespannte Bank) und
             der klare Blick
verschwimmt —

 

Nichts wie weg;
dagegenstemmen (gegen viel zu
schwere Türen, wachsende Ohnmachtsgefühle); draußen reichlich Sauerstoff
beim Anblick alter Platanen. (Ich verstehe Bilderstürmer
             und ich verstehe sie nicht.)

Bilderstürmer, 2021/22           

foto: Ikonostase, St. Nikolaus Kathedrale, Wien, by Bwag, via Wikimedia Commons

* vom persischen Großkönig Xerxes berichtet Herodot, dass er auf seinem Feldzug gegen die Griechen eine besonders stattliche Platane ehrt, indem er sie reich mit Gold beschenkt und einen Unsterblichen/Soldaten eigens zu ihrem Schutz abstellt. Die Legende lebt in der berühmten Anfangsarie der Oper „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel weiter, in der Xerxes den Schatten einer Platane besingt (Ombra mai fù).

Ausschlaggebend für meinen Text war die Begegnung mit einer Platane (Platanus orientalis) am Rennweg 14 in Wien, die heute als Mozart- (oder Jacquin)-Platane bekannt ist. Gleich um die Ecke (Jauresgasse 2) befindet sich die russisch-orthodoxe St. Nikolaus Kathedrale, wo einzelne Ikonen mit Schmuckstücken privater Bittsteller regelrecht beladen sind. „Bilderstürmer“ ist mein (verspäteter) Beitrag zum Luther-Jahr 2021. Für 2022 wünsche ich uns allen das Beste und „Dass uns die Bilder nicht ausgehen. Dass uns zuletzt das Rätsel errettet“ (aus: Gruß an Corinth, Rainer Malkowski, 1924)

Baumheiligtum Panagia Plataniotissa (Kalavryta, Greece) by Leamus, via istockphoto.com

Ich verstehe Bilderstürmer und ich verstehe sie nicht. Immer wieder sind es Bilder; flüchtig oder tief verwurzelt wie die mächtige Platane im gebuckelten Asphalt. Kein Schatten ist uns so willkommen, sprach vor langer Zeit ein König* auf dem Weg in einen Krieg (typisch König) und beschenkt den Baum (eine Platane) reich mit Gold (unsterbliche Geschichte). Den Krieg verliert er doch. Und seine Königin? Ist inzwischen alt geworden. Nicht zu verbergendes Zittern beim Sichten der Münzen an der Supermarkt-Kasse. Ich riskiere einen Blick in ihr Gesicht: uraltes Vogelei, behutsam in ein Kopftuch gebunden.

 

Vorsichtig, nicht drängeln!
Geduldig in der Schlange stehen; sie reicht weit in unsrer Zeit zurück. Wir sind Frauen, wir sind Männer mit gesenkten Köpfen, als wären wir geblendet; nur vom Kerzenlicht. Es spiegelt sich
im Gold der Bilder. Sie sind zum Brechen schwer behangen; mit Ketten, Broschen, Perl-Ohrringen, kiloweise Schmuck zum Dank oder als Vorauszahlung. Traumwandlerisch bewegen wir uns in der Schlange vorwärts;  sehen (mit Befremden) Menschen vor den Bildern auf die Knie gehen, sie vertrauensvoll berühren; mit der Hand zum Mund, zum Bild, zum Herzen, immer wieder, bis wir selber vorne stehen, wo Schwerkraft uns herunterzieht (auf die samtbespannte Bank) und der klare Blick verschwimmt —

Nichts wie weg; dagegenstemmen (gegen viel zu schwere Türen, wachsende Ohnmachtsgefühle); draußen reichlich Sauerstoff
beim Anblick alter Platanen. (Ich verstehe Bilderstürmer und ich verstehe sie nicht.)

Bilderstürmer, 2021/22        

foto: Ikonostase, St. Nikolaus Kathedrale, Wien, by Bwag, via Wikimedia Commons

* vom persischen Großkönig Xerxes berichtet Herodot, dass er auf seinem Feldzug gegen die Griechen eine besonders stattliche Platane ehrt, indem er sie reich mit Gold beschenkt und einen Unsterblichen/Soldaten eigens zu ihrem Schutz abstellt. Die Legende lebt in der berühmten Anfangsarie der Oper „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel weiter, in der Xerxes den Schatten einer Platane besingt (Ombra mai fù).

Ausschlaggebend für meinen Text war die Begegnung mit einer Platane (Platanus orientalis) am Rennweg 14 in Wien, die heute als Mozart- (oder Jacquin)-Platane bekannt ist. Gleich um die Ecke (Jauresgasse 2) befindet sich die russisch-orthodoxe St. Nikolaus Kathedrale, wo einzelne Ikonen mit Schmuckstücken privater Bittsteller regelrecht beladen sind. „Bilderstürmer“ ist mein (verspäteter) Beitrag zum Luther-Jahr 2021. Für 2022 wünsche ich uns allen das Beste und „Dass uns die Bilder nicht ausgehen. Dass uns zuletzt das Rätsel errettet“ (aus: Gruß an Corinth, Rainer Malkowski, 1924)