Am Fluss, die Gewissheit

Neue Rheinbrücke, Fußach-Hard, eigenes Bild, 2023

Schmeckt Wasser in der
Kindheit süßer? Auch wenn es so viel
Kalk enthält, dass Waschmaschinen streiken? Ich trinke
Wasser aus dem Hahn und höre nachts, wenn ich nicht schlafen
kann, die Kläranlage dröhnen. Dabei kein Mucks vom Alpenrhein. Wir
haben diesen Fluss fast umgebracht und ich meine es zu schmecken. Es
heißt, es wäre jetzt zum Besten aller, den gefesselten Fluss zu befreien, nicht
ganz, was sich ja von selbst versteht, aber immerhin so weit, dass er sein Korsett nicht sprengt. Die alte Angst vor der Flut, grade hier, wo wir mehr und mehr zu
einer Stadt zusammenwachsen, nur dass wir uns die Vertikale streng verbieten. 
Himmelwärts, nur Berge oder Kirchturmspitzen. Als ob das Leben, grade hier,
sich nicht ständig neu ausrichtet; ganz nebenbei oder mit großer Geste, wenn
der Fluss das Umland flutet. Im aufgewühlten Wasser, Wälder, durch
die Fische ziehen. Später, unvermeidlich, Bagger. Bald bedecken
Seggen, Schilf und Schösslinge von Weiden die leer-
            geräumten Karpfenbetten —

Wie schnell sind hundert
Jahre vergangen! Oft war hier kein Mensch
zu sehen, nur zwischendurch Betriebsamkeit, wie beim Bau
der neuen Brücke oder, wie vor Jahrmillionen, der Geburt der Eintags-
fliegen. Ihr Aufstieg aus dem Wasser, taumelnd, als könnten sie ihr Glück
kaum fassen: zu fliegen, der Sonne entgegen, den glücklich kreischenden
Möwen zum Fraß. Und wer wäre denn nicht glücklich, wenn nach langer
Trockenheit endlich Regen niedergeht? Während wir noch schlafen, erwachen
alle Weinbergschnecken! Ihr Fuß gleitet so beharrlich dem entgegen, wovon
wir nur zu träumen wagen. Frei fließende Erinnerung an eine wahre Königin.
Ihr Haus, so eigenartig hell, dabei zerschunden, wie nach vielen Kriegen.
Im Frühjahr, die Freude, sie wiederzusehen. An den immer gleichen
Orten, bis sie eines Tages eine neue Route nimmt. Wir halten
sofort an; spüren eine oder zwei Sekunden ihr Dagegen-
halten (obwohl das Auto fast zwei Tonnen wiegt),
             dann gibt ihr Haus nach. 

 

Verneigung vor dem Widerstand,
vor unbeirrter Fruchtbarkeit. Am Fluss, die Gewissheit, 
die Zukunft ist weiblich und wenn es zu begreifen wäre, allseitig frei. 
             Wie schnell sind hundert Jahre vergangen!  

Am Fluss, die Gewissheit, 2023                     Foto: Alpenrhein, eigenes Bild, 2023        

Der Text bezieht sich auf die geplante Aufweitung des Alpenrheins aus Hochwasserschutzgründen und, damit einhergehend, seine ökologische Aufwertung. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die eine Verbesserung aller Gewässer bis 2027 vorschreibt, und der Klimawandel (mit mehr punktuellen Starkregenereignissen bei insgesamt zunehmender Trockenheit) haben dem jahrzehntelang verschleppten Jahrhundertprojekt („Rhesi„) eine neue Dringlichkeit verliehen.

Neue Rheinbrücke, Fußach-Hard, eigenes Bild, 2023

Schmeckt Wasser in der
Kindheit süßer? Auch wenn es so viel 
Kalk enthält, dass Waschmaschinen streiken? Ich trinke
Wasser aus dem Hahn und höre nachts, wenn ich nicht schlafen
kann, die Kläranlage dröhnen. Dabei kein Mucks vom Alpenrhein. Wir
haben diesen Fluss fast umgebracht und ich kann es schmecken. Es
heißt, es wäre jetzt zum Besten aller, den gefesselten Fluss zu befreien,
nicht ganz, was sich von selbst versteht, aber immerhin so weit, dass er
sein Korsett nicht sprengt. Die alte Angst vor der Flut, grade hier, wo wir mehr
und mehr zu einer Stadt zusammenwachsen, nur dass wir uns die Vertikale streng verbieten. Himmelwärts, nur Berge oder Kirchturmspitzen. Als ob das Leben, grade hiersich nicht laufend neu ausrichtet, ganz nebenbei oder mit großer Geste, wenn der Fluss das Umland flutet.
Im aufgewühlten Wasser, Wälder, 
durch die Fische ziehen.
Später, unvermeidlich, Bagger. Bald 
bedecken Seggen,
Schilf und Schösslinge von Weiden die leer-

              geräumten Karpfenbetten —

 

Wie schnell sind hundert
Jahre vergangen! Oft war hier kein Mensch
zu sehen. Nur zwischendurch Betriebsamkeit, wie beim
Bau der neuen Brücke oder, wie vor Jahrmillionen, der Geburt der Eintagsfliegen. Ihr Aufstieg aus dem Wasser, taumelnd, als könnten
sie ihr Glück kaum fassen: zu fliegen, der Sonne entgegen/den glücklich kreischenden Möwen zum Fraß. Und wer wäre denn nicht glücklich?
Wenn nach langer Trockenheit, endlich Regen niedergeht; während wir noch schlafen, erwachen alle Weinbergschnecken. Ihr Fuß gleitet so
beharrlich dem entgegen, wovon wir nur zu träumen wagen. Frei
fließende Erinnerung an eine wahre Königin. Ihr Haus, so eigenartig hell, dabei zerschunden
, wie nach Kriegen. Die Freude im Frühjahr, sie
wiederzusehen (an den immer gleichen Orten), 
bis sie eines Tages
eine neue Route nimmt. Wir halten sofort an; 
spüren, eine
oder zwei Sekunden, ihr Dagegen
halten, obwohl
das Auto fast zwei Tonnen wiegt. Dann 

             gibt ihr Haus nach —

 

Verneigung vor dem Widerstand,
vor unbeirrter Fruchtbarkeit. Am Fluss, die Gewissheit,
die Zukunft ist weiblich und, wenn es zu begreifen wäre, allseitig frei.
             Wie schnell sind hundert Jahre vergangen!

Am Fluss, die Gewissheit, 2023       Foto: Alpenrhein, eigenes Bild 2023

Der Text bezieht sich auf die geplante Aufweitung des Alpenrheins aus Hochwasserschutzgründen und, damit einhergehend, seine ökologische Aufwertung. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die eine Verbesserung aller Gewässer bis 2027 vorschreibt, und der Klimawandel (hier mit mehr punktuellen Starkregenereignissen bei insgesamt zunehmender Trockenheit) haben dem jahrzehntelang verschleppten Jahrhundertprojekt („Rhesi„) eine neue Dringlichkeit verliehen.

Neue Rheinbrücke, Fußach-Hard, eigenes Bild, 2023

Schmeckt Wasser in der Kindheit
süßer? Auch wenn es so viel 
Kalk enthält, dass Waschmaschinen streiken? Ich trinke Wasser aus dem Hahn und höre nachts, wenn ich nicht schlafen kann, die Kläranlage dröhnen. Dabei kein Mucks vom Alpenrhein. Wir haben diesen Fluss fast umgebracht und ich meine es zu schmecken. Es heißt, es wäre jetzt zum Besten aller, den gefesselten Fluss zu befreien. Nicht ganz, was sich von selbst versteht, aber immerhin so weit, dass er sein Korsett nicht sprengt. Die alte Angst vor der Flut! Grade hier, wo wir mehr und mehr zu einer Stadt zusammenwachsen, nur dass wir uns die Vertikale streng verbieten. Himmelwärts, nur Berge oder Kirchturmspitzen.  Als ob das Leben, grade hier, sich nicht laufend neu ausrichtet; ganz nebenbei oder mit großer Geste, wenn der Fluss das Umland flutet. Im aufgewühlten Wasser, Wälder,  durch die Fische ziehen. Später,  unvermeidlich, Bagger. Bald bedecken Seggen, Schilf und Schösslinge von Weiden die leergeräumten Karpfenbetten —

 

Wie schnell sind hundert Jahre
vergangen! Oft war hier kein Mensch zu sehen, nur zwischendurch Betriebsamkeit, wie beim Bau der neuen Brücke  oder, wie vor Jahrmillionen, der Geburt der Eintagsfliegen. Ihr 
Aufstieg aus dem 
Wasser, taumelnd, als könnten sie ihr Glück kaum fassen, zu fliegen, der Sonne entgegen/den glücklich kreischenden Möwen zum Fraß. Und wer wäre denn nicht glücklich? Wenn nach langer Trockenheit endlich Regen niedergeht? Während wir noch schlafen, erwachen alle Weinbergschnecken. Ihr Fuß gleitet so beharrlich dem entgegen, wovon wir nur zu träumen wagen; frei fließende Erinnerung an eine wahre Königin. Ihr Haus, so eigenartig hell, dabei zerschunden, wie nach vielen Kriegen. Die Freude im Frühjahr, sie wiederzusehen (an den immer gleichen Orten), bis sie eines Tages eine neue Route nimmt. Wir halten sofort an; spüren, eine oder zwei Sekunden, ihr Dagegenhalten, obwohl das Auto fast zwei Tonnen wiegt. Dann gibt ihr Haus nach —

Verneigung vor dem Widerstand,
vor unbeirrter Fruchtbarkeit. Am Fluss, die Gewissheit, die Zukunft ist weiblich und, wenn es zu begreifen wäre, allseitig frei! 
Wie schnell sind hundert Jahre vergangen! 

Am Fluss, die Gewissheit, 2023 

Foto: Alpenrhein (Hard/Fußach), eigenes Bild, 2023    

Der Text bezieht sich auf die geplante Aufweitung des Alpenrheins aus Hochwasserschutzgründen und, damit einhergehend, seine ökologische Aufwertung. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die eine Verbesserung aller Gewässer bis 2027 vorschreibt, und der Klimawandel (mit mehr punktuellen Starkregenereignissen bei insgesamt zunehmender Trockenheit) haben dem  jahrzehntelang verschleppten Jahrhundertprojekt („Rhesi„) eine neue Dringlichkeit verliehen.