Was, wenn wir (grader Michl)

Feierliche Enthüllung des Michael-Gaismair-Denkmals in der Südtiroler Siedlung in Bregenz, 1980, Oskar Spang, CC BY 4.0, via Volare, Vorarlberger Landesbibliothek

„Zum funften sollen alle Rinkmauren an den Stetten (…) niderprochen werden (…) damit kain Underschaid der Menschen, also daz ainer höcher oder pösser weder der ander sein wölle, werde (…) sonder ain ganze Glaichait im Land sei.“
               5. Satzung der 
Tiroler Landesordnung, Michael Gaismair, 1525

„Bei 42 Messerstichen strömt so viel Blut, dass selbst der Regen von 500 Jahren nicht alle Spuren beseitigen kann.“
              Auf der Suche nach Michael Gaismair, Felix Mitterer, 2001

Was, wenn wir
aufstehen, unser Rückgrat
gradebiegen und dann übers Wasser gehen?
Komm schon, sag, vertraust du mir? Leihst mir hier so
frei dein Ohr! Wird schon nicht abfallen vom Gejammer über Geld,
Milch, Mehl, Geschwister, über’s Kranksein, Sterben, Erben, über Jobs und
Liebesnöte, was immer es auch ist, wir kriegen’s sicher aufgetischt in diesem 
kurzen Erdenleben. Sind allesamt vom selben Schlag; Geschlagen nur wie
Hunde,  wenn wir winselnd liegenbleiben. Los, steh auf! Brauchst einen, der dir
zeigt, wie’s geht? So wie damals, Brixen 1525, als einer für die Bauern aufsteht?
Ein grader Michl, bis ihn Habsburgs Häscher finden, ihn mit zweiundvierzig
Messerstichen niedermachen. Ein Stich für jedes Lebensjahr. Armer
Michl! Sein Denkmal steht gleich um die Ecke, um uns
freundlich zu erinnern, wie man 
              übers Wasser geht  —

Hast du was vergessen? 
Du schaust immer in die Ferne, schaust 
du Wellen, schaust du Sterne, bis du draußen auf dem 
Wasser einen kleinen Menschen siehst, der dir winkt oder — 
ertrinkt? Verdammt noch mal, wer weiß das schon!? Der Michl weiß es 
ganz genau. Sein Denkmal, gleich hier um die Ecke, gibt uns keine Rätsel auf:
Drei Figuren, einander sichtbar zugewandt, tragen einen rohen Stein. Es ist ein
Bergkristall. In Klüften unter Druck gewachsen und in hunderttausenden von 
Jahren, nach und nach abgekühlt, bis er das  geworden ist, was er schon immer 
war: ein natürlicher Verstärker. Wo es hier Verstärkung braucht, fragst du mich? 
Ein Mensch, der winkt, vielleicht — ertrinkt!? Hast dir die Hosen hoch- 
gekrempelt, deine Schuhe weggekickt und bist barfuß 
losgelaufen! Hab dich doch gesehen/beim 
             Übers Wasser Gehen!

 

Was, wenn wir
jetzt mal alle aufstehen, unser Rückgrat
gradebiegen und — hat denn keiner ihn gesehen? — wie Michl
            über Wasser gehen?

Was, wenn wir (grader Michl), 2025

Bild: black female legs, by rep0rter, via istockphoto.com

Der Text bezieht sich auf den Südtiroler Bauernführer Michael Gaismair (1490 – 1532), der trotz vielfacher Vereinnahmung durch verschiedene politische Lager als früher Visionär einer demokratischen Verfassung gelten kann.

Feierliche Enthüllung des Michael-Gaismair-Denkmals in der Südtiroler Siedlung in Bregenz, 1980, Oskar Spang, CC BY 4.0, via Volare, Vorarlberger Landesbibliothek

„Zum funften sollen alle Rinkmauren an den Stetten (…) niderprochen werden (…) damit kain Underschaid der Menschen, also daz ainer höcher oder pösser weder der ander sein wölle, werde (…) sonder ain ganze Glaichait im Land sei.“
               5. Satzung der 
Tiroler Landesordnung, Michael Gaismair, 1525

„Bei 42 Messerstichen strömt soviel Blut, dass auch der Regen von 500 Jahren nicht alle Spuren beseitigen kann.“
             Auf der Suche nach Michael Gaismair, Felix Mitterer, 2001

Was, wenn wir
aufstehen, unser Rückgrat
gradebiegen und dann übers Wasser gehen?
Komm schon, sag, vertraust du mir? Leihst mir hier so frei
dein Ohr! Wird schon nicht abfallen vom Gejammer über Geld, Milch,
Mehl, Geschwister, über’s Kranksein, Sterben, Erben, über Jobs und Liebes- 

nöte! Was es auch ist, wir kriegen’s sicher aufgetischt in diesem kurzen Erdenleben. Sind allesamt vom selben Schlag; Geschlagen nur wie Hunde, 
wenn wir winselnd liegenbleiben. Los, steh auf! Brauchst einen, der dir zeigt, wie’s geht? So wie damals, Brixen 1525, als einer für die Bauern aufsteht? Ein grader Michl, wie man hier zu sagen pflegt, bis ihn Habsburgs Häscher 
finden, ihn mit zweiundvierzig Messerstichen niedermachen. Ein Stich für jedes Lebensjahr. Armer Michel! Sein Denkmal steht gleich 
um die Ecke, um uns freundlich zu erinnern,
             wie man übers Wasser geht  —

Hast du was vergessen? 
Schaust du immer in die Ferne, schaust 
du Wellen, schaust du Sterne, bis du draußen auf dem 
Wasser einen kleinen Menschen siehst, der dir winkt oder — 
ertrinkt? Verdammt noch mal, wer weiß das schon!? Der Michl weiß 
es ganz genau! Sein Denkmal, gleich hier um die Ecke, gibt mir keine Rätsel 
auf: drei Figuren, einander deutlich zugewandt, tragen einen rohen Stein. 
Es ist ein Bergkristall. In Klüften unter Druck gewachsen und in hundert-tausenden von Jahren, nach und nach abgekühlt, bis er das geworden ist, 
was er schon immer war: ein natürlicher Verstärker. Wo es hier Verstärkung braucht, fragst du mich? Ein Mensch, der winkt, vielleicht — ertrinkt!? 
Hast dir die Hosen hochgekrempelt, deine Schuhe weggekickt und 
bist barfuß losgelaufen! Hab dich doch gesehen/
             beim Übers Wasser Gehen!

 

Was, wenn wir
jetzt mal alle aufstehen, unser Rückgrat
gradebiegen und – hat denn keiner ihn gesehen? – wie Michl
             übers Wasser gehen?

Was, wenn wir (grader Michl), 2025

Bild: black female legs, by rep0rter, via istockphoto.com

Der Text bezieht sich auf den Südtiroler Bauernführer Michael Gaismair (1490 – 1532), der trotz vielfacher Vereinnahmung durch verschiedene politische Lager als früher Visionär einer demokratischen Verfassung gelten kann.

Feierliche Enthüllung des Michael-Gaismair-Denkmals in der Südtiroler Siedlung in Bregenz, 1980, Oskar Spang, CC BY 4.0, via Volare, Vorarlberger Landesbibliothek

„Zum funften sollen alle Rinkmauren an den Stetten (…) niderprochen werden (…) damit kain Underschaid der Menschen, also daz ainer höcher oder pösser weder der ander sein wölle, werde (…) sonder ain ganze Glaichait im Land sei.“ 5. Satzung der Tiroler Landesordnung, Michael Gaismair, 1525

„Bei 42 Messerstichen strömt soviel Blut, dass auch der Regen von 500 Jahren nicht alle Spuren beseitigen kann.“ (Auf der Suche nach Michael Gaismair, Felix Mitterer, 2001)

Was, wenn wir aufstehen, unser Rückgrat gradebiegen und dann übers Wasser gehen? Komm schon, sag, vertraust du mir? Leihst mir hier so frei dein Ohr! Wird schon nicht abfallen vom Gejammer über Geld, Milch, Mehl, Geschwister, über’s Kranksein, Sterben, Erben, über Jobs und Liebesnöte! Was immer es auch ist, wir kriegen’s sicher aufgetischt in diesem kurzen Erdenleben. Sind allesamt vom selben Schlag; Geschlagen nur wie Hunde, wenn wir winselnd liegenbleiben. Los, steh auf! Brauchst einen, der dir zeigt, wie’s geht? So wie damals, Brixen 1525, als einer für die Bauern aufsteht? Ein grader Michl, wie  man hier zu sagen pflegt, bis ihn Habsburgs Häscher finden, ihn mit zweiundvierzig Messerstichen niedermachen. Ein Stich für jedes Lebensjahr. Armer Michl! Sein Denkmal steht gleich um die Ecke, um uns freundlich zu erinnern, wie man übers Wasser geht  —

Hast du was vergessen? Schaust immer wieder in die Ferne, schaust du Wellen, schaust du Sterne, bis du draußen auf dem Wasser einen kleinen Menschen siehst, der dir winkt oder — ertrinkt? Verdammt noch mal, wer weiß das schon? Der Michl weiß es ganz genau! Sein Denkmal, gleich hier um die Ecke, gibt uns keine Rätsel auf: drei Figuren, einander sichtbar zugewandt, tragen einen rohen Stein. Es ist ein Bergkristall. In Klüften unter Druck gewachsen und in hunderttausenden von Jahren, nach und nach abgekühlt, bis er das geworden ist, was er schon immer war: ein natürlicher Verstärker. Wo es hier Verstärkung braucht, fragst du mich? Ein Mensch, der winkt, vielleicht — ertrinkt!? Hast dir die Hosen hochgekrempelt, deine Schuhe weggekickt und bist barfuß losgelaufen! Hab dich doch gesehen/beim Übers Wasser Gehen!

 

Was, wenn wir jetzt mal alle aufstehen, unser Rückgrat gradebiegen und – hat denn keiner ihn gesehen? – wie Michl über Wasser gehen?

Was, wenn wir (grader Michl), 2025

Bild: black female legs, by rep0rter, via istockphoto.com

Der Text bezieht sich auf den Südtiroler Bauernführer Michael Gaismair (1490 – 1532), der trotz vielfacher Vereinnahmung durch verschiedene politische Lager als früher Visionär einer demokratischen Verfassung gelten kann.