
Ich sehe dich. Du lachst
in einer leergeräumten Halle. Licht fällt ein
in schrägen Bahnen. Staub tanzt. Alles schwarz und
weiß, obwohl ich sonst in Farbe träume. Ich höre nirgends Wasser,
sehe keinen breiten Strom und weiß doch, er ist da und da ist eine Werft.
So sicher, wie man sich nur sein kann, wenn man träumt, weiß ich, wir sind in
Kiew, und der Mann, der seiner selbst so sicher lacht, dass selbst der Staub um
ihn herum viel höher steigt wie sonst und fällt und fällt, ist der Vater meiner Mutter. Sie ist noch nicht geboren, aber wird demnächst gezeugt. In Liebe, Kiew, 1941.
Das Liebesnest war wohl geräumig. Konfisziertes Eigentum von Juden? Schritte wohl gedämpft von Teppichen wie dem Kazak unter unsrem Weihnachtsbaum?
Wer weiß das schon? Wir waren nicht dabei, als man die Juden per Bescheid gezwungen hat, sich selbst zu stellen. Wir waren nicht dabei, als man sie abgeschlachtet hat, in der Schlucht von Babyn Jar. Ein Baby haben sie
der Mutter von der Brust gerissen, lebendig in die Schlucht geworfen.
Wir waren nicht dabei. Wir waren nicht geboren. Nur die
Erde hat sich laut erhoben, vom Druck
der Leichengase —
Kiew, 1942. Diese seltsame
Schwäche aus dem Nichts. Die Übelkeit.
Der Hunger. Und das alles nur, weil eine Zelle, eine einzige,
sich teilt. Es ist ein Wunder. Nein, ein Nichts, das sich erst entwickeln
muss. Vom Zellhaufen zum wirbellosen Wurm, zum Lurch und weiter durch
die Erdzeitalter, bis ein Mensch geboren wird. In Blut und Schleim herausgeris-
sen aus dem Ich-bin-alles-Traum. Wer hätte da nicht geschrien? Und einfach
nicht mehr aufgehört? Deine Mutter habe sich die Ohren zugehalten. Selbst der Staub der sommerlichen Stadt hätte sich besiegt verzogen. Da habe sie dich
abgestellt. Im Kinderwagen abgestellt, unterm Kirschbaum auf der Datscha, abgestellt und glatt vergessen. Endlich weg vom Geschrei der judenleeren
Stadt. Erzähl mir nichts von der Liebe in Zeiten des Mordens. Ich sehe
dich in einer Halle, deiner selbst so sicher, lachend, dass selbst
der Staub um dich herum viel höher steigt
und fällt und fällt —
Ich sehe dich (Kiew), 2024
Foto: Реалії блекаута (Almost like Fitzgerald), 23.11.2022, by Valery Hitraya, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf das Massaker von Babyn Jar, bei dem über 33.000 Menschen innerhalb von 48 Stunden den Tod fanden, sowie auf jenen Teil meiner Familiengeschichte, der fast völlig im Dunkeln liegt. In Kiew laufen viele Fäden zusammen. Nach der Schlacht um Kiew (1941) hat die deutsche Wehrmacht am 19. September die Stadt besetzt. Am 1.Oktober hat mein Großvater mütterlicherseits, der aus Österreich stammt, seinen Dienst als Werftleiter in Kiew angetreten, also unmittelbar nach dem Massaker vom 29. und am 30. September 1941. Sicher war mein Großvater bereits vor Ort, um sich einzuquartieren. Er war am Kreschtschatnik Nr. 25 untergebracht. Das repräsentative Gebäude steht heute noch (falls es keine russische Rakete trifft). Meine Großmutter, die aus Weißrussland stammt, hat bis zum Kriegsausbruch in Warschau studiert. Dort haben sich meine Großeltern kennengelernt. 1941/42 war meine Großmutter Dolmetscherin an der Werft in Kiew. Meine Mutter wurde im Juli 1942 in Kiew geboren.
спасибо, мама! я люблю тебя.

Ich sehe dich.
Du lachst in einer leergeräumten
Halle. Licht fällt ein in schrägen Bahnen.
Staub tanzt. Alles schwarz und weiß, obwohl ich sonst
in Farbe träume. Ich höre nirgends Wasser, sehe keinen breiten
Strom und weiß doch, er ist da und da ist eine Werft. So sicher, wie
man sich nur sein kann, wenn man träumt, weiß ich, wir sind in Kiew
und der Mann, der seiner selbst so sicher scheint, dass sogar Staub um
ihn herum viel höher steigt wie sonst und fällt und fällt, ist der Vater meiner Mutter. Sie ist noch nicht geboren, aber wird demnächst gezeugt. In Liebe,
Kiew, 1941. Das Liebesnest war wohl geräumig. Konfisziertes Eigentum
von Juden? Alle Schritte wohl gedämpft. Von Teppichen wie dem Kazak unter unsrem Weihnachtsbaum? Wer weiß? Wir waren nicht dabei, als
man die Juden per Bescheid gezwungen hat, sich selbst zu stellen. Wir waren nicht dabei, als man sie abgeschlachtet hat, in der Schlucht von Babyn Jar. Ein Baby haben sie der Mutter von der Brust gerissen,
lebendig in die Schlucht geworfen. Wir waren nicht dabei. Wir
waren nicht geboren. Nur die Erde hat sich laut erhoben,
vom Druck der Leichengase —Kiew, 1942. Diese seltsame
Schwäche aus dem Nichts. Die Übelkeit.
Der Hunger. Und das alles nur, weil eine Zelle, eine
einzige, sich teilt? Es ist ein Wunder. Nein, ein Nichts, das sich
erst entwickeln muss. Vom Zellhaufen zum wirbellosen Wurm, zum
Lurch und weiter durch die Erdzeitalter, bis ein Mensch geboren wird.
In Blut und Schleim herausgerissen aus dem Ich-bin-alles-Traum. Wer
hätte da nicht geschrien? Und einfach nicht mehr aufgehört? Deine Mutter
habe sich die Ohren zugehalten. Selbst der Staub der sommerlichen Stadt hätte sich besiegt verzogen. Da habe sie dich abgestellt. Im Kinderwagen abgestellt, unterm Kirschbaum auf der Datscha, abgestellt und glatt vergessen. Endlich weg vom Geschrei der judenleeren Stadt. Erzähl
mir nichts von der Liebe in Zeiten des Mordens. Ich sehe dich
in einer Halle, deiner selbst so sicher, lachend, dass selbst
der Staub, von dir bezwungen, höher steigt
und fällt und fällt —
Ich sehe dich (Kiew), 2024
Foto: Реалії блекаута (Almost like Fitzgerald), 23.11.2022, by Valery Hitraya, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf das Massaker von Babyn Jar, bei dem über 33.000 Menschen binnen 48 Stunden den Tod fanden, sowie auf jenen Teil meiner Familiengeschichte, der fast völlig im Dunkeln liegt. In Kiew laufen viele Fäden zusammen. Nach der Schlacht um Kiew (1941) wurde die Stadt am 19. September 1941 von der Wehrmacht besetzt. Am 1. Oktober hat mein Großvater mütterlicherseits, der aus Österreich stammt, seinen Dienst in Kiew als Werftleiter angetreten, also unmittelbar nach dem Massaker vom 29. und am 30 September 1941. Bestimmt war mein Großvater bereits vor Ort, allein um sich einzuquartieren. Er war am Kreschtschatnik Nr. 25 untergebracht. Das repräsentative Gebäude steht heute noch (falls es keine russische Rakete trifft). Meine Großmutter, die ursprünglich aus Weißrussland stammt, hat bis zum Kriegsausbruch in Warschau studiert. Dort haben sich meine Großeltern kennengelernt. 1941/42 war meine Großmutter Dolmetscherin an der Werft in Kiew. Meine Mutter wurde im Juli 1942 in Kiew geboren.
спасибо, мама! я люблю тебя.

Ich sehe dich. Ich sehe dich in einer leergeräumten Halle. Licht fällt ein in schrägen Bahnen. Staub tanzt. Alles schwarz und weiß, obwohl ich sonst in Farbe träume. Ich höre nirgends Wasser, sehe keinen breiten Strom und weiß doch, er ist da und da ist eine Werft. So sicher, wie man sich nur sein kann, wenn man träumt, weiß ich, wir sind in Kiew, und der Mann, der seiner selbst so sicher lacht, dass selbst der Staub um ihn herum viel höher steigt und fällt und fällt, ist der Vater meiner Mutter. Sie ist noch nicht geboren, aber wird demnächst gezeugt. In Liebe, Kiew, 1941. Das Liebesnest war wohl geräumig. Konfisziertes Eigentum von Juden? Alle Schritte wohl gedämpft. Von Teppichen wie dem Kazak unter unsrem Weihnachtsbaum? Wer weiß das schon? Wir waren nicht dabei, als man die Juden per Bescheid gezwungen hat, sich selbst zu stellen. Wir waren nicht dabei, als man sie abgeschlachtet hat, in der Schlucht von Babyn Jar. Ein Baby haben sie der Mutter von der Brust gerissen, lebendig in die Schlucht geworfen. Wir waren nicht dabei. Wir waren nicht geboren. Nur die Erde hat sich laut erhoben, vom Druck der Leichengase —
Kiew, 1942. Diese seltsame Schwäche aus dem Nichts. Die Übelkeit. Der Hunger. Und das alles nur, weil eine Zelle, eine einzige, sich teilt? Es ist ein Wunder. Nein, ein Nichts, das sich erst entwickeln muss. Vom Zellhaufen zum wirbellosen Wurm, zum Lurch und weiter durch die Erdzeitalter, bis ein Mensch geboren wird. In Blut und Schleim herausgerissen aus dem Ich-bin-alles-Traum. Wer hätte nicht geschrien? Und einfach nicht mehr aufgehört? Deine Mutter habe sich die Ohren zugehalten. Selbst der Staub der sommerlichen Stadt hätte sich besiegt verzogen. Da habe sie dich abgestellt. Im Kinderwagen abgestellt, unterm Kirschbaum auf der Datscha, abgestellt und glatt vergessen. Endlich weg vom Geschrei der judenleeren Stadt. Erzähl mir nichts von der Liebe in Zeiten des Mordens. Ich sehe dich in einer Halle, deiner selber so sicher, lachend, dass selbst der
Staub, von dir bezwungen, höher steigt und fällt und fällt —
Ich sehe dich (Kiew), 2024
Foto: Реалії блекаута (Almost like Fitzgerald), 23.11.2022, by Valery Hitraya, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf das Massaker von Babyn Jar, sowie auf jenen Teil meiner Familiengeschichte, der fast völlig im Dunkeln liegt. In Kiew laufen viele Fäden zusammen. Nach der Schlacht um Kiew (1941) wurde die Stadt am 19.September von der Wehrmacht besetzt. Am 1. Oktober hat mein Großvater mütterlicherseits, der aus Österreich stammt, seinen Dienst als Werftleiter von Kiew angetreten, also unmittelbar nach dem Massaker vom 29. und 30. September 2041. Sicher war mein Großvater bereits vor Ort, schon allein um sich einzuquartieren. Er war am Kreschtschatnik Nr. 25 untergebracht. Das repräsentative Gebäude steht heute noch (falls es keine russische Rakete trifft). Meine Großmutter, die ursprünglich aus Weißrussland stammt, hat bis zum Kriegsausbruch in Warschau studiert. Dort haben sich meine Großeltern kennengelernt. 1941/42 war meine Großmutter Dolmetscherin an der Werft in Kiew. Meine Mutter wurde im Juli 1942 in Kiew geboren.
спасибо, мама! я люблю тебя.
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