
Halt, wer da?
Kein Schrei, nur Stille. Besser so.
Was bist du schon? Handvoll Mensch, notgetauft.
Statt zweier Flügel, voll entfaltet, schlaffer Sack, wie eine
Luftblase von Fischen, angelandet — Pst! Sei still! Feind rückt an!
Auf der Heide zwischen Zieseln sind wir durch das Gras gerobbt. Haben
uns versteckt im Dreck. Vor wem denn, Babuschka, vor wem? Der bösen Hexe
Baba Jaga? Lebt doch ganz allein im Wald in einem Haus auf Hühnerbeinen.
Keiner da? Der letzte Gockel ist im Himmel. Kutte überm dicken Bauch, Kreuz
aus Gold, Ziegenbart. Sag bloß, ein Pope!! Hat er uns denn was vermacht?
Seinen Töchtern, große Namen: Wera, Ljubov und Nadeschda.
Glaube, Liebe, Hoffnung also. Sonst noch was?
Kein Geld, kein Geld —Was nu……..
mit Schmu? Hilft dir jetzt
der Glaube weiter? Ach, herrje, du bist
die Wahrheit, Wera, Vera, Veritas! Mamutschka war
der Glaube, ja. Aber echt jetzt, Karten legen?! Schau sie an!
Was bleibt ihr noch? Beide Söhne, Asche, Staub! Der eine ist ertrunken,
der andere erstickt. An ’nem Kirschkern bei ’ner Nutte. Wie man solche Hälse
freikriegt, hat die leider nicht gewusst. Dafür so manches andere. Und das
wäre? Hier bist du die Heldin, Wera! Warschau, 1939. Krieg, von einem auf den
andren Tag. Da bist du sofort losgezogen, um die Schwester heimzuholen.
Aus Lemberg heim nach Pinsk. Gefährlich. Krauts und Flieger. Also quer
durch Wald und Feld. Ohne Kompass, ohne Karten. Drei Wochen
lang zu Fuß gelaufen. Mit ’ner Handvoll Mitstudenten.
Juden? Juden! Viel zu viele —Immerhin, sie waren still.
Und später — ? Leise! Einfach immer
weiterlaufen. Dörfer meiden. Bleibt im Wald. Betten
gibt’s dort überall. Hast du Heimweh, Sumpfprinzessin? Denkst
an deinen zahmen Storch? An den Fluss und an den Bruder, der dir nachts
als Geist erscheint? Sagt dir was? Flüsterton. Sagt, zuhause gibt’s nicht mehr.
Verbrannte Dörfer, überall. Die Bewohner, umgebracht. Und du verliebst dich
in den Feind. Folgst ihm nach, egal, wohin. Hinter dir, ein lautes Klirren. Vorhang
fällt. Der Eiserne. Dorthin führt kein Weg zurück. Steht alles in den Sternen,
Schwester! Und noch mehr. Dein Liebster hat schon bald ’ne andre. Pst!
Schweig still! Und was hast du? Russenbälger. Und schon wieder
schwanger! Nein? Da haste aber Schwein gehabt.
Nein, nein, kein Schwein —
Sei bloß still!
Schon gut. Ich schweige. Und ich schreibe.
Liest ja keiner. Beide Finger überkreuzt. Augenaufschlag, Abschlussreim:
Haste Schwein/gehabt, viel Schwein —
Sumpfprinzessin, 2025
Foto: Pripyat, by Maciej Kawecki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
In dankbarer Erinnerung an meine Großmutter Wera K., geborene Lucibianca.

Halt, wer da?
Kein Schrei, nur Stille. Besser so.
Was bist du schon? Handvoll Mensch, notgetauft.
Statt zweier Flügel, voll entfaltet, schlaffer Sack, wie eine
Luftblase von Fischen, angelandet — Pst! Sei still! Feind rückt an!
Auf der Heide zwischen Zieseln sind wir durch das Gras gerobbt. Haben
uns versteckt im Dreck. Vor wem denn, Babuschka, vor wem? Der bösen
Hexe Baba Jaga? Lebt doch ganz allein im Wald in einem Haus auf Hühner-beinen. Keiner da? Der letzte Gockel ist im Himmel. Kutte überm dicken
Bauch, Kreuz aus Gold, Ziegenbart. Sag bloß, ein Pope!! Hat er uns
denn was vermacht? Seinen Töchtern, große Namen: Wera, Ljubov und Nadeschda. Glaube, Liebe, Hoffnung also. Sonst
noch was? Kein Geld, kein Geld —
Was nu……..
mit Schmu? Hilft dir jetzt
der Glaube weiter? Ach, herrje, du bist
die Wahrheit? Wera, Vera, Veritas! Mamutschka war
der Glaube, ja. Aber echt jetzt, Karten legen?! Schau sie an!
Was bleibt ihr sonst? Beide Söhne, Asche, Staub! Der eine ist ertrunken,
der andere erstickt. An ’nem Kirschkern bei ’ner Nutte. Wie man solche Hälse freikriegt, hat die leider nicht gewusst. Dafür so manches andere. Und daswäre? Hier bist du die Heldin, Wera! Warschau, 1939. Krieg, von einem auf
den andren Tag. Und du bist sofort losgezogen, um die Schwester heimzu holen. Aus Lemberg heim nach Pinsk. Gefährlich. Krauts und Flieger.
Also quer durch Wald und Feld. Ohne Kompass, ohne Karten.
Drei Wochen lang zu Fuß gelaufen. Mit ’ner Handvoll
Mitstudenten. Juden? Juden!
Viel zu viele —Immerhin, sie waren
still. Und später — ? Leise! Einfach
immer weiterlaufen. Dörfer meiden. Bleib im
Wald. Betten gibt’s dort überall. Hast du Heimweh, Sumpf-
prinzessin? Denkst an deinen zahmen Storch? An den Fluss und an
den Bruder, der dir nachts als Geist erscheint? Sagt dir was? Flüsterton.
Sagt, zuhause gibt’s nicht mehr. Verbrannte Dörfer, überall. Die Bewohner,
umgebracht. Und du verliebst dich in den Feind. Folgst ihm nach, egal,
wohin. Hinter dir, ein lautes Klirren. Vorhang fällt. Der Eiserne. Dorthin führt
kein Weg zurück. Steht alles in den Sternen, Schwester! Und noch mehr.
Dein Liebster hat schon bald ’ne andre. Pst! Schweig still! Und was
hast du? Russenbälger. Und schon wieder schwanger!
Nein? Da haste aber Schwein gehabt. Nein,
nein, kein Schwein —Sei bloß still!
Schon gut. Ich schweige. Und ich schreibe.
Liest ja keiner. Beide Finger überkreuzt. Augenaufschlag, Abschlussreim:
Haste Schwein/gehabt, viel Schwein —
Sumpfprinzessin, 2025
Foto: Pripyat, by Maciej Kawecki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
In dankbarer Erinnerung an meine Großmutter Wera K., geborene Lucibianca.

Halt, wer da? Kein Schrei, nur Stille. Besser so! Was bist du schon? Handvoll Mensch, notgetauft. Statt zweier Flügel, voll entfaltet, schlaffer Sack, wie die Luftblase von Fischen, angelandet — Pst! Sei still! Feind rückt an! Auf der Heide zwischen Zieseln sind wir durch das Gras gerobbt. Haben uns versteckt im Dreck. Vor wem denn, Babuschka, vor wem? Der bösen Hexe Baba Jaga? Lebt doch ganz allein im Wald in einem Haus auf Hühnerbeinen. Keiner da? Der letzte Gockel ist im Himmel. Kutte
überm dicken Bauch, Kreuz aus Gold, Ziegenbart. Sag bloß, ein Pope!! Hat er uns denn was vermacht? Seinen Töchtern, große Namen: Wera, Ljubov und
Nadeschda. Glaube, Liebe, Hoffnung also. Sonst noch was? Kein Geld, kein Geld —Was nu…….. mit Schmu? Hilft dir jetzt der Glaube weiter? Ach, herrje, du bist die Wahrheit? Wera, Vera, Veritas! Mamutschka war der Glaube, ja. Aber echt jetzt, Karten legen!? Schau sie an! Was bleibt ihr noch? Beide Söhne, Asche, Staub! Der eine ist ertrunken, der andere erstickt. An ’nem Kirschkern bei ’ner Nutte. Wie man solche Hälse frei kriegt, hat die leider nicht gewusst. Dafür manches andre. Und das wäre? Hier bist du die Heldin, Wera! Warschau, 1939. Krieg, von einem auf den andren Tag. Da bist du sofort losgezogen, um die Schwester heimzuholen. Von Lemberg heim nach Pinsk. Gefährlich. Krauts und Flieger. Also quer durch Wald und Feld. Ohne Kompass, ohne Karten. Drei Wochen lang zu Fuß gelaufen. Mit ’ner Handvoll Mitstudenten. Juden? Juden. Viel zu viele —
Immerhin, sie waren leise. Und später — ? Still! Einfach immer weiterlaufen! Dörfer meiden. Bleibt im Wald. Betten gibt’s dort überall. Hast du Heimweh, Sumpfprinzessin? Denkst an deinen zahmen Storch? An den Fluss und an den Bruder, der dir nachts als Geist erscheint? Sagt dir was? Flüsterton. Sagt, zuhause gibt’s nicht mehr. Verbrannte Dörfer, überall. Die Bewohner, umgebracht. Und du verliebst dich in den Feind. Folgst ihm nach, egal, wohin. Hinter dir, ein lautes Klirren. Vorhang fällt. Der Eiserne. Dorthin führt kein Weg zurück. Steht alles in den Sternen, Schwester! Und noch mehr. Dein Liebster hat schon bald ’ne andre. Pst! Schweig still! Und was hast du? Russenbälger. Und schon wieder schwanger. Nein? Da haste aber Schwein gehabt. Nein, nein, kein Schwein —
Sei bloß still! Schon gut. Ich schweige. Und ich schreibe. Liest ja keiner. Beide Finger überkreuzt. Augenaufschlag, Abschlussreim: Haste Schwein/gehabt, viel Schwein —
Sumpfprinzessin, 2025
Foto: Pripyat, by Maciej Kawecki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
In dankbarer Erinnerung an meine Großmutter Wera K., geborene Lucibianca.
Teilen mit:
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf Reddit teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Reddit
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X