
Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Na, ja, Käfer kenne ich so einige; der deinige,
der war wohl breit (unheimlich breit) und todgeweiht.
Bei Käfern ist das ganz normal. Haben sich als Larven fett gefuttert,
jahrelang in Holz und Erde vor sich hingeträumt und in der letzten Daseins-
form haben sie nur eins im Sinn: sich fortzupflanzen. Dazu drängt sie alles,
aber (alle hassen dieses Wort) könnte es auch anders sein? Haben sehr viel nachgedacht, hat mich um den Schlaf gebracht; Kafkas Käfer stirbt daran. Ohne
sich je fortzupflanzen. Hat sich kaum je raus getraut aus seinem/Zimmer. Hat
sich dort selbst genügt. Besonders oben auf der Decke hing er gern; es war
ganz anders, als das Liegen auf dem Fußboden; man atmete (viel) freier;
ein leichtes Schwingen ging (dabei) durch seinen Körper.
Aber liebe Samsa-Freunde, reicht das schonzum Weiterleben — ?
Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Ja, Käfer kenne ich so einige; der deinige warwohl bräunlich und mit vielen Beinchen ausgestattet? Nun ja,
Käfer haben Beinchen und so manche sind auch bräunlich. Böcke,
beispielsweise, haben überlange Fühler, typisches Erkennungszeichen
aller dreißigtausend Böcke. Riesengroß, der Eichenbock. Wunderschön,
der Alpenbock. Unter uns: ein echter Trottel. Ortstreu bis zur Selbstaufgabe.
Kommt vom Brutbaum kaum mehr los. Die alte Buche, die der Blitz getroffen
hat und trotzdem aufrecht steht; später nur mehr Baum-Skelett, bleich und
lange still gestanden. Hier? Nur an den steilsten Hängen, wo die Forst-
wirtschaft schwer hinkommt und zur Sonne ausgerichtet, dabei nie
zu stark/verwachsen und niemals zu sehr/beschattet,
hell und offen: Bock-Terrain! (reicht ihm schon
zum Weiterleben) —
Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Also gut, Käfer kenne ich so einige, aber der
deinige war wohl wirklich hoffnungslos. Selbst wenn wir seinen
Käferspuren tief hinein ins Kernholz folgen, wer (außer ihm) verstünde,
was dort wirklich vor sich geht? Was wir später
„Wunder“ nennen —
Sie zu warnen (Kafka), 2024
Foto: Großer Eichenbock, Herwig Winter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf „Die Verwandlung“ von Franz Kafka (hier via Gutenberg) und ist mein Beitrag zum Kafka-Jahr 2024. Alle kursiven Textteile sind Zitate.
Der große Eichenbock (Cerambyx cerdo) und der spektakuläre Alpenbock (Rosalia alpina) sind in ganz Europa gefährdet. Letzterer kommt ausschließlich in Buchenwäldern vor. In Vorarlberg sind alle Brutgebiete, bis auf zwei, erloschen (Quelle: Merkblatt der Vorarlberger Landesregierung).

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Sie reimt sich.
(unbekannt)
Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Na, ja, Käfer kenne ich so einige; der deinige,
der war wohl breit (unheimlich breit) und todgeweiht.
Bei Käfern ist das ganz normal. Haben sich als Larven fett
gefuttert, jahrelang in Holz und Erde vor sich hingeträumt und in
der letzten Daseinsform haben sie nur eins im Sinn: sich fortzupflanzen. Dazu drängt sie alles, aber könnte es auch anders sein? Haben sehr viel nachgedacht, hat mich um den Schlaf gebracht; Kafkas Käfer stirbt daran. Ohne sich je fortzupflanzen. Hat sich kaum je raus getraut aus seinem Zimmer. Hat sich dort selbst genügt. Besonders oben auf der Decke
hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem Fußboden;
man atmete (viel) freier; ein leichtes Schwingen ging (dabei)
durch seinen Körper. Aber, liebe Samsa-Freunde,
reicht das schon zum Weiterleben — ?Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Ja, Käfer kenne ich so einige; der deinige, der
war wohl bräunlich und mit vielen Beinchen ausgestattet?
Nun ja, Käfer haben Beinchen und so manche sind auch bräunlich.
Böcke, beispielsweise, haben überlange Fühler, typisches Erkennungs-
zeichen aller dreißigtausend Böcke. Riesengroß, der Eichenbock.
Wunderschön, der Alpenbock. Unter uns: ein echter Trottel. Ortstreu bis
zur Selbstaufgabe. Kommt vom Brutbaum kaum mehr los. Die alte Buche, die der Blitz getroffen hat und trotzdem aufrecht steht; später nur mehr Baum-Skelett, bleich und lange still gestanden. Hier? Nur an den
steilsten Hängen, wo die Forstwirtschaft schwer hinkommt und
zur Sonne ausgerichtet, dabei nie zu stark/verwachsen
und niemals zu sehr/beschattet, hell und offen:
Bock-Terrain! (Reicht ihm schonzum Weiterleben) —
Sie zu warnen,
Gregor Samsa, fragst du mich?
Also gut. Käfer kenne ich so einige, aber der
deinige war wohl wirklich hoffnungslos. Selbst wenn wir seinen
Käferspuren tief hinein ins Kernholz folgen, wer (außer ihm) verstünde,
was dort wirklich vor sich geht? Was wir später
„Wunder“ nennen —
Sie zu warnen (Kafka), 2024
Foto: Großer Eichenbock, Herwig Winter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf „Die Verwandlung“ von Franz Kafka (hier via Gutenberg) und ist mein Beitrag zum Kafka-Jahr 2024. Alle kursiven Textteile sind Zitate.
Der große Eichenbock (Cerambyx cerdo) und der spektakuläre Alpenbock (Rosalia alpina) sind in ganz Europa gefährdet. Letzterer kommt ausschließlich in Buchenwäldern vor. In Vorarlberg sind alle Brutgebiete, bis auf zwei, erloschen (Quelle: Merkblatt der Vorarlberger Landesregierung).

Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. (unbekannt)
Sie zu warnen, Gregor Samsa, fragst du mich? Na, gut, Käfer kenne ich so einige; der deinige, der war wohl breit (unheimlich breit) und todgeweiht. Bei Käfern ist das ganz normal. Haben sich als Larven fett gefuttert, jahrelang in Holz und Erde vor sich hingeträumt und in der letzten Daseinsform haben sie nur eins im Sinn: sich fortzupflanzen. Dazu drängt sie alles, aber könnte es auch anders sein? Haben sehr viel nachgedacht, hat mich um den Schlaf gebracht; Kafkas Käfer stirbt daran. Ohne sich je fortzupflanzen. Hat sich kaum je raus getraut aus seinem/Zimmer. Hat sich dort selbst genügt. Besonders oben auf der Decke hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem Fußboden; man atmete (viel) freier; ein leichtes Schwingen
ging (dabei) durch seinen Körper. Aber, liebe Samsa-Freunde, reicht das schon zum Weiterleben — ?
Sie zu warnen, Gregor Samsa, fragst du mich? Ja, Käfer kenne ich so einige; der deinige, der war wohl bräunlich und mit vielen Beinchen ausgestattet? Nun ja, Käfer haben Beinchen und so manche sind auch bräunlich. Böcke beispielsweise, haben überlange Fühler, typisches Erkennungszeichen aller dreißigtausend Böcke. Riesengroß, der Eichenbock. Wunderschön, der Alpenbock. Unter uns: ein echter Trottel. Ortstreu bis zur Selbstaufgabe. Kommt vom Brutbaum kaum mehr los. Die alte Buche, die der Blitz getroffen hat und trotzdem aufrecht steht; später nur mehr Baum-Skelett, bleich und lange still gestanden. Hier? Nur an den steilsten Hängen, wo die Forstwirtschaft schwer hinkommt, und zur Sonne ausgerichtet, dabei nie zu stark verwachsen und niemals zu sehr beschattet, hell und offen: Bock-Terrain! (reicht ihm schon zum Weiterleben) —
Sie zu warnen, Gregor Samsa, fragst du mich? Also gut, Käfer kenne ich so einige, aber der deinige war wohl wirklich hoffnungslos. Selbst wenn wir seinen Käferspuren tief hinein ins Kernholz folgen, wer (außer ihm) verstünde, was dort wirklich vor sich geht? Was wir später „Wunder“ nennen —
Sie zu warnen (Kafka), 2024
Foto: Großer Eichenbock, Herwig Winter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Text bezieht sich auf „Die Verwandlung“ von Franz Kafka (hier via Gutenberg) und ist mein Beitrag zum Kafka-Jahr 2024. Alle kursiven Textteile sind Zitate.
Der große Eichenbock (Cerambyx cerdo) und der spektakuläre
Alpenbock (Rosalia alpina) sind in ganz Europa gefährdet. Letzterer kommt ausschließlich in Buchenwäldern vor. In Vorarlberg sind alle Brutgebiete, bis auf zwei, erloschen (Quelle: Merkblatt der Vorarlberger Landesregierung).
Teilen mit:
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf Reddit teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Reddit
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X