
Hat der Leser etwas von gleichlaufenden und zweigleisigen Zeitsträngen gehört? Ja, es gibt Nebengleise der Zeit, ein wenig illegal und problematisch, doch wenn man solche Konterbande mit sich führt wie wir, ein überzähliges Ereignis, das nicht einzureihen ist, darf man nicht wählerisch sein.
(Bruno Schulz, Die geniale Epoche/Die Zimtläden)
Leg dich nicht mit Zucker an. Er ist raffiniert.
(unbekannt)
Kennst du Chrust?
Aus Hefeteig mit Wodka? In Schweine-
schmalz herausgebacken, in Zucker sorgsam hin und
her gewälzt und aufgeschichtet wie ein Haufen dürres Holz,
der sofort in Flammen aufgeht, wenn du hinlangst? Trau dich! Deine
Puderzucker-Schnauze hat dich doch schon längst verraten! Hat man dich,
du arme Sau, etwa nicht genug gestopft? Dich in Süßkram eingewickelt und
mit Knödeln bombardiert? Nur ein kleiner Schnitt ins Obst, mit einer leichten
Drehung öffnen, innen drin, statt Kernen, Zucker. Kriegste nicht? Haste nicht?
Draußen tobt ein fieser Krieg? Weiterträumen, Bruno Schulz! Träum dich fort
aus deinem Schtetl, träum dich fort von deinem Ort! Du meinst, er riecht
nach Zimt? Denkst du dabei vielleicht an Schnecken? Lieber gleich an
zwei, als eine/meine Kleine/lecker Schnecken mit Glasur. O, nimmer-
satter Bruno Schulz! Träumen wir gemeinsam weiter,
sag mir bitte nie wohin —Draußen staubt es.
Drinnen offeriert die Dienstmagd
Milch, zum Gebimmel ferner Glocken. Dumpf,
die schweren Kirchenglocken. Heller, leichter, die von
Kühen. Beim Vermessen einer Kuh (aus zugegeben großer Ferne)
immer wieder festgestellt: Sie passt in einen Fingerhut. Zwei Fingerhüte,
aufgesteckt? Das Klackern langer Fingernägel. Viel zu fein für Milch aus Kannen,
aber nie, um quälend langsam übers Blech zu kratzen, als wärs deine Haut. Der
Bauer ächzt. Er ist ständig schlecht gelaunt, obwohl die Kühe ihm die schönsten
Augen machen und mit ihren Schwänzen winken: Arg zerlumpt, im Stall an ihren
Wedeln aufgehängt wie ausgefranste Wäschestücke (offenbar zu blöd zum
Scheißen). Die Kühe waren bald verkauft, alle Kinder ausgeflogen und
keine Fingerhüte mehr und kein So-muss-es-sein-Gefühl (wenn
wir mal erwachsen sind) in jenen Sommern voller
Wunder, voller Schrecken, oder alles
nur geträumt?Aufgewacht,
mein lieber Schulz! Leises
Lachen, Peitsche knallt. Woran denkst du?
Ach, an Zimt? Denkst an deine süßen Schnecken,
lieber gleich an zwei, als eine/meine Kleine/lecker Schnecken mit Glasur!
Einmal so rrrichtig hinzulangen! (jetzt, an alle): Hat er Angst vor Peitschenhieben?
Hat er Angst vorrr Rrrruten? Sollten wir ihn nicht bestrafen,
Zucker-Schnauzer, Zucker-Schnuten!
Schnecken (für Bruno Schulz), 2025
Foto: Cinnamon Buns, by Nicole Trilivas, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Chrust, polnisch = Reisig, traditionelles Hefeteiggebäck.
Der Text bezieht sich auf den, in Drohobycz, Galizien (von Nazis auf offener Straße erschossenen) polnisch-jüdischen Künstler Bruno Schulz und die (Ohn-)Macht der Fantasie. Wer damit nichts anzufangen weiß, dem liefert Bruno Schulz eine Steilvorlage in Wort und Bild.
Goodie: Nebenjob, Wer erschoss Bruno Schulz?

Hat der Leser etwas von gleichlaufenden und zweigleisigen Zeitsträngen gehört? Ja, es gibt Nebengleise der Zeit, ein wenig illegal und problematisch, doch wenn man solche Konterbande mit sich führt wie wir, ein überzähliges Ereignis, das nicht einzureihen ist, darf man nicht wählerisch sein.
(Bruno Schulz, Die geniale Epoche/Die Zimtläden)
Leg dich nicht mit Zucker an. Er ist raffiniert.
(unbekannt)
Kennst du Chrust?
Aus Hefeteig mit Wodka? In Schweine-
schmalz herausgebacken, in Zucker sorgsam hin und
her gewälzt und aufgeschichtet wie ein Haufen dürres Holz,
der sofort in Flammen aufgeht, wenn du hinlangst? Trau dich! Deine
Puderzucker-Schnauze hat dich doch schon längst verraten! Hat man dich,
du arme Sau, etwa nicht genug gestopft? Dich in Süßkram eingewickelt und
mit Knödeln bombardiert? Nur ein kleiner Schnitt ins Obst, mit einer leichten Drehung öffnen, innen drin, statt Kernen, Zucker. Kriegste nicht? Haste nicht? Draußen tobt ein fieser Krieg? Weiterträumen, Bruno Schulz! Träum dich fort
aus deinem Schtetl, träum dich fort von deinem Ort! Meinst du, er riecht
nach Zimt? Denkst du dabei vielleicht an Schnecken? Lieber gleich an
zwei, als eine/meine Kleine, lecker Schnecken mit Glasur! Nimmer-
satter Bruno Schulz! Träumen wir gemeinsam weiter,
sag mir bitte nie, wohin —Draußen staubt es.
Drinnen offeriert die Dienstmagd
Milch/zum Gebimmel ferner Glocken. Dumpf,
die schweren Kirchenglocken; heller, leichter, die von
Kühen. Beim Vermessen einer Kuh (aus zugegeben großer Ferne)
immer wieder festgestellt: Sie passt in einen Fingerhut. Zwei Finger-
hüte, aufgesteckt? Das Klackern langer Fingernägel. Viel zu fein für Milch
aus Kannen, aber nie, um quälend langsam übers Blech zu kratzen, als wärs
deine Haut. Der Bauer ächzt. Er ist ständig schlecht gelaunt, obwohl die Kühe
ihm die schönsten Augen machen und mit ihren Schwänzen winken: Arg zer-lumpt, im Stall an ihren Wedeln aufgehängt wie ausgefranste Wäschestücke (offenbar zu blöd zum Scheißen). Die Kühe waren bald verkauft. Alle Kinder, ausgeflogen. Und keine Fingerhüte mehr und kein So-muss-es-sein-
Gefühl (wenn wir mal erwachsen sind) in jenen Sommern
voller Wunder, voller Schrecken, oder
alles nur geträumt?Aufgewacht,
mein lieber Schulz! Leises
Lachen, Peitsche knallt. Woran denkst du?
Ach, an Zimt? Denkst an deine süßen Schnecken! Lieber
gleich an zwei, als eine/meine kleine/lecker Schnecken mit Glasur. Einmal so rrrichtig hinzulangen! (Jetzt, wir alle): Hat er Angst vor Peitschenhieben?
Hat er Angst vorrr Rrrruten? Sollten wir ihn nicht bestrafen,
Zucker-Schnauzer, Zucker-Schnuten!
Schnecken (für Bruno Schulz), 2025
Foto: Cinnamon Buns, by Nicole Trilivas, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Chrust, polnisch = Reisig, traditionelles Hefeteiggebäck.
Der Text bezieht sich auf den in Drohobycz, Galizien (von Nazis auf offener Straße erschossenen) polnisch-jüdischen Künstler Bruno Schulz und die (Ohn-)Macht der Fantasie. Wer damit nichts anzufangen weiß, dem liefert Bruno Schulz eine Steilvorlage in Wort und Bild.
Goodie: Nebenjob, Wer erschoss Bruno Schulz?

Hat der Leser etwas von gleichlaufenden und zweigleisigen Zeitsträngen gehört? Ja, es gibt Nebengleise der Zeit, ein wenig illegal und problematisch, doch wenn man solche Konterbande mit sich führt wie wir, ein überzähliges Ereignis, das nicht einzureihen ist, darf man nicht wählerisch sein.
(Bruno Schulz, Die geniale Epoche/Die Zimtläden, 1936)
Leg dich nicht mit Zucker an. Er ist raffiniert. (unbekannt)
Kennst du Chrust? Aus Hefeteig mit Wodka? In Schweineschmalz herausgebacken, in Zucker sorgsam hin und her gewälzt und aufgeschichtet wie ein Haufen dürres Holz, der sofort in Flammen aufgeht, wenn du hinlangst? Trau dich! Deine Puderzucker-Schnauze hat dich doch schon längst verraten. Hat man dich, du arme Sau, etwa nicht genug gestopft? Dich in Süßkram eingewickelt und mit Knödeln bombardiert? Nur ein kleiner Schnitt ins Obst, mit einer leichten Drehung öffnen, innen drin, statt Kernen, Zucker. Kriegste nicht? Haste nicht? Draußen tobt ein fieser Krieg? Weiterträumen, Bruno Schulz! Träum dich fort aus deinem Schtetl, träum dich fort von deinem Ort! Du meinst, er riecht nach Zimt? Denkst du dabei vielleicht an Schnecken? Lieber gleich an zwei, als eine/meine Kleine/lecker Schnecken mit Glasur. O, nimmersatter Bruno Schulz! Träumen wir gemeinsam weiter, sag mir bitte nie, wohin —
Draußen staubt es. Drinnen offeriert die Dienstmagd Milch,
zum Gebimmel ferner Glocken. Dumpf, die schweren Kirchenglocken. Heller, leichter, die von Kühen. Beim Vermessen einer Kuh (aus zugegeben großer Ferne)
immer wieder festgestellt: Sie passt in einen Fingerhut. Zwei Fingerhüte, aufgesteckt? Das Klackern langer Fingernägel. Viel zu fein für Milch aus Kannen, aber nie, um quälend langsam über Blech zu kratzen, als wärs deine Haut. Der Bauer ächzt. Er ist ständig schlecht gelaunt, obwohl die Kühe ihm die schönsten Augen machen und mit ihren Schwänzen winken: arg zerlumpt, im Stall an ihren Wedeln aufgehängt wie ausgefranste Wäschestücke (offenbar zu blöd zum Scheißen). Die Kühe waren bald verkauft. Alle Kinder, ausgeflogen. Und keine Fingerhüte mehr und kein So-muss-es-sein-Gefühl (wenn wir mal erwachsen sind) in jenen Sommern voller Wunder, voller Schrecken, oder alles nur geträumt?Aufgewacht, mein lieber Schulz! Leises Lachen, Peitsche knallt. Woran denkst du? Ach, an Zimt? Denkst an deine süßen Schnecken? Lieber gleich an zwei, als eine/meine Kleine/lecker Schnecken mit Glasur. Einmal so rrrichtig hinzulangen! (jetzt, wir alle): Hat er Angst vor Peitschenhieben? Hat er Angst vorrr Rrruten? Sollten wir ihn nicht bestrafen, Zucker-Schnauzer, Zucker-Schnuten!
Schnecken (Für Bruno Schulz), 2025
Foto: Cinnamon Buns, by Nicole Trilivas, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Chrust, polnisch = Reisig, traditionelles Hefeteiggebäck.
Der Text bezieht sich auf den, in Drohobycz, Galizien (von Nazis auf offener Straße erschossenen) polnisch-jüdischen Künstler Bruno Schulz und die (Ohn-)Macht der Fantasie. Wer damit nichts anzufangen weiß, dem liefert Bruno Schulz eine Steilvorlage in Wort und Bild.
Goodie: Nebenjob, Wer erschoss Bruno Schulz?
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