Richtig wichtig (für Glatzen)

St. Galler Legendar, Cod. Sang. 602: Deutsche Heiligenlegenden, Mitte 15. Jahrhundert, via e-codicesCC BY-NC 3.0

Wohin fährt das
Kirchenschiff mit seiner greisen
Rumpf-Mannschaft? Dass wir uns darüber
ausgerechnet jetzt den Kopf zerbrechen! Haben Besseres
zu tun, zum Beispiel uns gut festzuhalten. Das Schiff stampft, das
Schiff rollt. Verfluchter See, der sich wie ein Meer aufführt! Gischt fliegt
über kahle Häupter und erstarrt: eine junge Frau trägt Hut, samt wippender
Feder! Was zum Teufel?! Draußen verdunkeln Kutten die Sicht auf den offenen
See. Bleibt nur mehr der Blick in den Himmel und seine vorweggenommenen
Schrecken. Selbst das vertraute Gurgeln der Därme werden wir irgendwann
ablegen müssen, wie Hüte und Federn. Tröstlich: ein Vogelschiss auf deinem
Kopf. Vielleicht doch auserwählt? Gallus lacht. Denkt schon an den Leichen-
schmaus, an Bier und Gulasch, gut gewürzt. Wie es donnert, wie
es kracht. Haben sie so laut gefurzt? Diese Kutten,
diese Glatzen, unersättlich! Ganz
             besonders Gallus! 

Gallus, wer? Gallus,
was? Gehört dem nicht der Kopf
geputzt? Wie denn, ohne Haare, wie? Und schon
hat der Kolumban seinem Bruder eins verpasst. Eine Kopfnuss?
Also wirklich, muss das sein! Dass die beiden sich andauernd in die Haare
kriegen (die es nach der Ordensregel gar nicht gibt). Ach, Kolumban! Kann so
schrecklich böse werden! Verbietet seinem Bruder alles: lauthals lachen, Drama
machen und sogar das Messelesen! Und der Kleine hält sich dran, bis der Alte
endlich stirbt. Und was nun, kleiner Mann? Wohin fährt das Kirchenschiff mit
seiner greisen Rumpf-Mannschaft? Wollt ihrs wirklich wissen, Brüder? Dann
rückt doch ein Stückchen näher, du und du, und du erst recht: Was ihr jetzt
zu hören kriegt, gilt für Gallus ganz besonders. Nein, es gilt für alle
Glatzen, auch für Kolumban, den Strengen, dass er sich
im Grab umdreht. Ich sage, tanzen,
             Bruder, tanzen!

Und so geht
das alte Lied: Wenn ich in
den Himmel schaue, sehe ich die Vögel
fliegen. Sehe sie tagein tagaus. In ihren Schnäbeln, das Geäst
fürs neue Nest und keiner hat sie was gefragt und keiner hat hier was gesagt,
sie haben nur gesungen. Schreibst du hier auch alles mit? Du und
du, vor allem du? Ist es richtig? Ist es wichtig?
             Richtig wichtig/ist es nicht —

Richtig wichtig (für Glatzen), 2021/25

Foto: Storm by Ross Lachlan, via pexels

Der Text bezieht sich ganz allgemein auf die im Alltag oft nur schwer greifbaren Hinterlassenschaften der iroschottischen Mission, die für Vorarlberg und die Ostschweiz über viele Jahrhunderte hinweg identitätsstiftend waren, sowie ganz allgemein auf unsere oft allzu strengen (religiös und patriarchalisch geprägten) Regeln des Miteinander Lebens und Voneinander Lernens.

St. Galler Legendar, Cod. Sang. 602: Deutsche Heiligenlegenden, Mitte 15. Jahrhundert, via e-codicesCC BY-NC 3.0

Wohin fährt das
Kirchenschiff mit seiner greisen
Rumpf-Mannschaft? Dass wir uns darüber
ausgerechnet jetzt den Kopf zerbrechen! Haben Besseres
zu tun, zum Beispiel uns gut festzuhalten. Das Schiff stampft, das
Schiff rollt, verfluchter See, der sich wie ein Meer aufführt! Gischt fliegt
über kahle Häupter und erstarrt: eine junge Frau trägt Hut, samt wippender
Feder! Was zum Teufel?! Draußen verdunkeln Kutten die Sicht auf den offenen
See. Bleibt nur mehr der Blick in den Himmel und seine vorweggenommenen Schrecken. Selbst das vertraute Gurgeln der Därme werden wir irgendwann ablegen müssen (wie Hüte und Federn). Tröstlich: ein Vogelschiss auf deinem
Kopf. Vielleicht doch — auserwählt? Gallus lacht. Denkt schon an den Leichenschmaus, an Bier und Gulasch, gut gewürzt. Wie es donnert,
wie es kracht. Haben sie so laut gefurzt? Diese Kutten,
diese Glatzen, unersättlich, ganz
             besonders Gallus!

Gallus, wer? Gallus,
was? Gehört dem nicht der
Kopf geputzt? Wie denn, ohne Haare,
wie? Und schon hat der Kolumban seinem Bruder
eins verpasst. Eine Kopfnuss? Also wirklich, muss das sein!
Dass die beiden sich andauernd in die Haare kriegen (die es nach
der Ordensregel gar nicht gibt). Ach, Kolumban! Kann so schrecklich böse
werden! Verbietet seinem Bruder alles: lauthals lachen, Drama machen
und sogar das Messelesen! Und der Kleine hält sich dran, bis der Alte endlich
stirbt. Und was nun, kleiner Mann? Wohin fährt das Kirchenschiff mit seiner greisen Rumpf-Mannschaft? Wollt ihrs wirklich wissen, Brüder? Dann rückt
doch ein Stückchen näher, du und du, und du erst recht: Was ihr jetzt
zu hören kriegt, gilt für Gallus ganz besonders. Nein, es gilt für
alle Glatzen, auch für Kolumban, den Strengen, dass er
sich im Grab umdreht. Ich sage, tanzen, 
             Bruder, tanzen!

 

Und so geht
das alte Lied: Wenn ich in
den Himmel schaue, sehe ich die Vögel
fliegen. Sehe sie tagein tagaus. In ihren Schnäbeln, das Geäst
fürs neue Nest und keiner hat sie was gefragt und keiner hat hier was
gesagt, sie haben nur gesungen. Schreibst du hier auch alles mit?
Du und du, vor allem du! Ist es richtig? Ist es wichtig?
             Richtig wichtig/ist es nicht —

Richtig wichtig (für Glatzen), 2021/25

Foto: Storm by Ross Lachlan, via pexels

Der Text bezieht sich ganz allgemein auf die im Alltag oft nur schwer greifbaren Hinterlassenschaften der iroschottischen Mission, die für Vorarlberg und die Ostschweiz über viele Jahrhunderte hinweg identitätsstiftend waren, sowie ganz allgemein auf unsere oft allzu strengen (religiös und patriarchalisch geprägten) Regeln des Miteinander Lebens und Voneinander Lernens.

St. Galler Legendar, Cod. Sang. 602: Deutsche Heiligenlegenden, Mitte 15. Jahrhundert, via e-codicesCC BY-NC 3.0

Wohin fährt das Kirchenschiff mit seiner greisen Rumpf-Mannschaft? Dass wir uns darüber ausgerechnet jetzt den Kopf zerbrechen! Haben Besseres zu tun, zum Beispiel uns gut festzuhalten. Das Schiff stampft, das Schiff rollt. Verfluchter See, der sich wie ein Meer aufführt! Gischt fliegt über kahle Häupter und erstarrt: eine junge Frau trägt Hut, samt wippender
Feder! Was zum Teufel?! Draußen verdunkeln Kutten die Sicht auf den offenen See. Bleibt nur mehr der Blick in den Himmel und seine vorweggenommenen Schrecken. Selbst das vertraute Gurgeln der Därme werden wir irgendwann ablegen müssen (wie Hüte und Federn). Tröstlich: ein Vogelschiss auf deinem Kopf. Vielleicht doch — auserwählt? Gallus lacht. Denkt schon an den Leichenschmaus, an Bier und Gulasch, gut gewürzt. Wie es donnert, wie es kracht! Haben sie so laut gefurzt? Diese Kutten, diese Glatzen, unersättlich, ganz besonders Gallus!

 

Gallus, wer? Gallus, was? Gehört dem nicht der Kopf geputzt? Wie denn, ohne Haare, wie? Und schon hat der Kolumban seinem Bruder eins verpasst. Eine Kopfnuss? Also wirklich, muss das sein! Dass die beiden sich andauernd in die Haare kriegen (die es nach der Ordensregel gar nicht gibt). Ach, Kolumban! Kann so schrecklich böse werden! Verbietet seinem Bruder alles: lauthals lachen, Drama machen und sogar das Messelesen! Und der Kleine hält sich dran, bis der Alte endlich stirbt. Und was nun, kleiner Mann? Wohin fährt das Kirchenschiff mit seiner greisen Rumpf-Mannschaft? Wollt ihrs wirklich wissen, Brüder? Dann rückt doch ein Stückchen näher, du und du, und du erst recht: Was ihr jetzt zu hören kriegt, gilt für Gallus ganz besonders. Nein, es gilt für alle Glatzen, auch für Kolumban, den Strengen, dass er sich um Grab umdreht. Ich sage,  tanzen, Bruder, tanzen! 

Und so geht das alte Lied: Wenn ich in den Himmel schaue, sehe ich die Vögel fliegen. Sehe sie tagein
tagaus. In ihren Schnäbeln, das Geäst fürs neue Nest und keiner
hat sie was gefragt und keiner hat hier was gesagt, sie haben nur gesungen. Schreibst du hier auch alles mit? Du und du, vor allem du? Ist es richtig? Ist es wichtig? Richtig wichtig/ist es nicht —

Richtig wichtig (für Glatzen), 2021/25

Foto: Storm by Ross Lachlan via pexels

Der Text bezieht sich ganz allgemein auf die im Alltag oft nur schwer greifbaren Hinterlassenschaften der iroschottischen Mission, die für Vorarlberg und die Ostschweiz über viele Jahrhunderte hinweg identitätsstiftend waren, sowie ganz allgemein auf unsere oft allzu strengen (religiös und patriarchalisch geprägten) Regeln des Miteinander Lebens und Voneinander Lernens.