
Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen,
mir zersprang vor Lust zitternd das meinige fast.
(Am Rheinfall, Eduard Mörike, 1848)
Be water, my friend.
(Bruce Lee)
Du sagst, das Leben
sei hart und beschissen. Während
ich am Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft
durch die Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt,
fällt Kollege Soundso bei der Arbeit einfach um. Sechs Jahre vor der
Pensionierung hat sein Herz schlapp gemacht. Vermute mal, Gefäßverkalkung.
Herz schlägt hart dagegen an, immer schneller, immer härter, bis es schließlich
nicht mehr kann. Herzinfarkt. Vermutlich zwischen Hochregalen. Dein Kollege Soundso war Staplerfahrer und sein Herztod schon der Vierte in dem Jahr. Du sagst, Stress, sprichst von Streik (gegen Gier- und Geldwirtschaft). Am Rheinfall, dem entzweiten Felsen, den man auch besteigen kann, ganz oben, eine Fahne,
quasi hochgestecktes Ziel. Donnern hier, Tosen dort, und quer darüber
aufgespannt, der Regenbogen, der so fest im Wasser steht, als
könnten wir hinüber gehen, wie über festen Grund.
Na, und — ?Du sagst, das Leben
sei hart und beschissen. Während ich
am Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft durch
die Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt, dass jeder
Fischverkehr verstummt. Ausgenommen Aale, die nachts aus dem Wasser
steigen, sich durch feuchte Wiesen schlängeln. Ihre Körper, wandlungsfähig.
Ihre Riecher, legendär. Ihr Nachwuchs, tausendfach Turbinenfutter. Du schreist, Mörder! Schreist, Idioten! Dabei weißt du haargenau, wer hier die Idioten sind:
Wir, alle. Hier, vor diesem Bildschirm. Siehst du dich darin gespiegelt? Nennst du
das hier wirklich Leben? Schau dir mal den Rheinfall an! So zu donnern, so zu tosen, so das Wasser aufzumischen, dabei alles hinzubiegen: dich und mich,
das Sonnenlicht, bis es zum Regenbogen bricht, der so fest im Wasser
steht, als könnten wir hinübergehen. Wir werden uns wiedersehen!
Irgendwo, mein Freund (ein Aal) —
Irgendwo (ein Aal), 2024
Foto: Europäischer Aal (Anguilla anguilla), by Ilbusaca, via istockphoto.com
Der europäische Aal (Anguilla anguilla) ist ein Wanderfisch, der zum Ablaichen vom Süßwasser bis in die Sargassosee im Atlantik zieht, wo der Nachwuchs dann den umgekehrten Weg nimmt. Einzelne Exemplare erreichen den Bodensee, aber der Bestand wird heute mit künstlichem Besatz hoch gehalten. Am Hochrhein verenden jedes Jahr tausende Aale in den Turbinen der Wasserkraftwerke (Vgl. Fischer prangern „Aal-Gemetzel“ bei Hochrhein-Kraftwerk an, Südkurier, 10.12.2023). IUCN-Status: Critically Endangered (vom Aussterben bedroht).

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen,
mir zersprang vor Lust zitternd das meinige fast.
(Am Rheinfall, Eduard Mörike, 1848)
Be water, my friend.
(Bruce Lee)
Du sagst, das Leben sei
hart und beschissen. Während ich am
Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft durch die
Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt, fällt Kollege
Soundso bei der Arbeit einfach um. Sechs Jahre vor der Pensionierung
hat sein Herz schlapp gemacht. Vermute mal, Gefäßverkalkung. Herz schlägt hart dagegen an, immer schneller, immer härter, bis es schließlich nicht mehr kann. Herzinfarkt. Vermutlich zwischen Hochregalen. Dein Kollege Soundso war Staplerfahrer und sein Herztod schon der Vierte in dem Jahr. Du sagst Stress, sprichst von Streik (gegen Gier- und Geld-wirtschaft). Am Rheinfall, dem entzweiten Felsen, den man auch besteigen kann, ganz oben, eine Fahne, quasi hochgestecktes Ziel. Donnern hier, Tosen dort, und quer darüber aufgespannt, der Regenbogen, der so
fest im Wasser steht, als könnten wir hinüber gehen,
wie über festen Grund. Na, und — ?
Du sagst, das Leben
sei hart und beschissen. Während ich
am Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft durch
die Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt, dass
jeder Fischverkehr verstummt. Ausgenommen Aale, die nachts
aus dem Wasser steigen, sich durch feuchte Wiesen schlängeln. Ihre Körper, wandlungsfähig. Ihre Riecher, legendär. Ihr Nachwuchs, tausend-fach Turbinenfutter. Du schreist, Mörder! Schreist, Idioten! Dabei weißt du haargenau, wer hier die Idioten sind: Wir, alle. Hier, vor diesem Bildschirm.
Siehst du dich darin gespiegelt? Nennst du das hier wirklich Leben Schau
dir mal den Rheinfall an! So zu donnern, so zu tosen, so das Wasser aufzumischen, dabei alles hinzubiegen: dich und mich, das Sonnenlicht,
bis es zum Regenbogen bricht, der so fest im Wasser steht, als
könnten wir hinübergehen. Wir werden uns wiedersehen!
Irgendwo, mein Freund (ein Aal) —
Irgendwo (ein Aal), 2024
Foto: Europäischer Aal (Anguilla anguilla), by Ilbusaca, via istockphoto.com
Der europäische Aal (Anguilla anguilla) ist ein Wanderfisch, der zum Ablaichen vom Süßwasser bis in die Sargassosee im Atlantik zieht, wo der Nachwuchs dann den umgekehrten Weg nimmt. Einzelne Exemplare erreichen den Bodensee, aber der Bestand wird heute mit künstlichem Besatz hoch gehalten. Am Hochrhein verenden jedes Jahr tausende Aale in den Turbinen der Wasserkraftwerke (Vgl. Fischer prangern „Aal-Gemetzel“ bei Hochrhein-Kraftwerk an, Südkurier, 10.12.2023). IUCN-Status: Critically Endangered (vom Aussterben bedroht).

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen, mir zersprang vor Lust zitternd das meinige fast. (Am Rheinfall, Eduard Mörike, 1848)
Be water, my friend. (Bruce Lee)
Du sagst, das Leben sei hart und beschissen. Während ich am Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft durch die Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt, fällt Kollege Soundso bei der Arbeit einfach um. Sechs Jahre vor der Pensionierung hat sein Herz schlapp gemacht. Vermute mal, Gefäßverkalkung. Herz schlägt hart dagegen an, immer schneller, immer härter, bis es
schließlich nicht mehr kann. Herzinfarkt. Vermutlich zwischen Hochregalen. Dein Kollege Soundso war Staplerfahrer und sein Herztod schon der Vierte in dem Jahr. Du sagst, Stress, sprichst von Streik (gegen Gier- und Geldwirtschaft). Am Rheinfall, dem entzweiten Felsen, den man auch besteigen kann, ganz oben, eine Fahne,
quasi hochgestecktes Ziel. Donnern hier, Tosen dort, und quer darüber aufgespannt, der Regenbogen, der so fest im Wasser steht, als könnten wir hinübergehen, wie über festen Grund. Na, und — ?Du sagst, das Leben sei hart und beschissen. Während ich am Rheinfall stehe, wo geballte Wasserkraft durch die Kalkgesteine drängt und die Kalkgesteine sprengt, dass jeder Fischverkehr verstummt.
Ausgenommen Aale, die nachts aus dem Wasser steigen, sich
durch feuchte Wiesen schlängeln. Ihre Körper, wandlungsfähig. Ihre Riecher,
legendär. Ihr Nachwuchs, tausendfach Turbinenfutter. Du schreist, Mörder! Schreist, Idioten! Dabei weißt du haargenau, wer hier die Idioten sind: Wir, alle. Hier, vor diesem Bildschirm. Siehst du dich darin gespiegelt? Nennst du das hier wirklich Leben? Schau dir mal den Rheinfall an! So zu donnern, so zu tosen, so das Wasser aufzumischen, dabei alles hinzubiegen: dich und mich, das Sonnenlicht, bis es zum Regenbogen bricht, der so fest im Wasser steht, als könnten wir hinübergehen. Wir werden uns wiedersehen! Irgendwo, mein Freund (ein Aal) —
Irgendwo (ein Aal), 2024
Foto: Europäischer Aal (Anguilla anguilla), by Ilbusaca, via istockphoto.com
Der europäische Aal (Anguilla anguilla) ist ein Wanderfisch, der zum Ablaichen vom Süßwasser bis in die Sargassosee im Atlantik zieht, wo der Nachwuchs dann den umgekehrten Weg nimmt. Einzelne Exemplare erreichen den Bodensee, aber der Bestand wird heute mit künstlichem Besatz hoch gehalten. Am Hochrhein verenden jedes Jahr tausende Aale in den Turbinen der Wasserkraftwerke (Vgl. Fischer prangern „Aal-Gemetzel“ bei Hochrhein-Kraftwerk an, Südkurier, 10.12.2023). IUCN-Status: Critically Endangered (vom Aussterben bedroht).
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