
PONG: dreimal schlagen sie den Gong… PANG: dreimal raten sie…PING: und dann den Kopf ab! PONG: und dann den Kopf ab!
(Turandot, Giacomo Puccini)
Bist du ihr ins
Netz gegangen? Bist gehangen,
stundenlang? Blutleer, dein Kopf (du weißt
schon, wo das Blut sich staut) oder hängst du wieder
mal verkehrt herum? Frag mich nicht (ich wüsste keine Antwort);
Frag die Fliege, die im Netz der Spinne hängt, während sich ihr Surren
Richtung Unerhörtes schraubt. Angespanntes Lauschen auf die Töne der
Verzweiflung (immer höher, immer weiter jetzt entfernt), bis du selber völlig
starr geworden bist. Dein Nacken, starr. Die Schultern, starr. Hörst du was?
Ich sehe was; Im Abendhimmel hängt ein Netz, in das der Wind Insekten wirft;
Als Beute oder Wurfgeschoß mit Durchschlagskraft. Ein Spiel, das der der
Wind bestimmt: Fadenspannung, Richtungswechsel, Beinarbeit. Die
Spinne spielt es meisterlich. In den Nachbarnetzen sitzen,
regungslos, die Nachwuchsspieler —
Also darauf läuft es
raus? Sich was abschauen?
Nächster Morgen. Wieder Spinne. Diesmal
hinterm Autospiegel. Fahre sie durchs ganze Land.
Und wozu? Was denkst du? Für eine Seite (so wie diese)
aus dem Buch der Radnetzspinnen, die im Herbst fetter werden?
Hochzeitsfaden längst gekappt. Bräutigam schon verspeist. Und das
Ergebnis? Ein Kokon mit kleinen Dingern (kostbar, watteweich verpackt).
Später hundertfaches Durcheinander viel zu vieler kleiner Beine. Immer
schön zusammenbleiben! Erste Mahlzeit? Dies und das und sonst
noch was? Na ja, vielleicht…. die eigene Mutter? Innig
umarmt sie/ihren Kokon; lauscht sterbend
dem Puls/des Lebens:
Bist du noch?
Oder bist du schon gewesen? Wirst du sein?
— (Innig umarmt) —
(Innig umarmt), 2024 Foto: spiderweb, by chivozol, via pexels.com
Der Text ist von Giacomo Puccinis letzter (unvollendeter) Oper Turandot inspiriert, die auf das persischen Epos der Sieben Schönheiten von Nezami zurückgeht. Darin beschreibt der Dichter die Wandlung des Sassaniden-Königs Bahram Gur, der sich in sieben Portraits von sieben Prinzessinnen aus sieben Ländern verliebt, eine nach der anderen besucht und sich vom Partylöwen zum verantwortungsvollen Herrscher wandelt. Turandot ist die vierte (ursprünglich russische) Prinzessin, die allen Brautwerbern Rätsel aufgibt. Jeder, der scheitert, muss sterben.
Das Phänomen, dass weibliche Insekten, wie z.B. Gottesanbeterinnen (Mantidae) oder Spinnentiere (Arachniden) ihre Paarungspartner fressen, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass Jungtiere (von diversen Tausendfüßer- und Spinnenarten, seltener von Käfern) ihr eigenes Muttertier nach dem Schlupf auffressen (Matriphagie). Bei bestimmten Spinnenarten „opfern“ sich auch weibliche Verwandte ohne eigenen Nachwuchs. Vgl. Animal Behaviour, Volume 132, October 2017, Pages 101-107

PONG: dreimal schlagen sie den Gong… PANG: dreimal raten sie…PING: und dann den Kopf ab! PONG: und dann den Kopf ab!
(Turandot, Giacomo Puccini)
Bist du ihr ins
Netz gegangen? Bist gehangen,
stundenlang? Blutleer, dein Kopf (du weißt
schon, wo das Blut sich staut) oder hängst du wieder
mal verkehrt herum? Frag nicht mich (ich wüsste keine Antwort);
Frag die Fliege, die im Netz der Spinne hängt, während sich ihr Surren
Richtung Unerhörtes schraubt. Angespanntes Lauschen auf die Töne der
Verzweiflung (immer höher, immer weiter jetzt entfernt), bis du selber
völlig starr geworden bist. Dein Nacken, starr. Die Schultern, starr. Hörst
du was? Ich sehe was! Im Abendhimmel hängt ein Netz, in das der Wind
Insekten wirft; als Beute oder Wurfgeschoß mit Durchschlagskraft.
Der Wind bestimmt das Spiel: Fadenstärke, Richtungswechsel,
Beinarbeit. Die Spinne spielt es meisterlich. In
den Nachbarnetzen sitzen, regungslos
die Nachwuchsspieler —
Also darauf läuft es
raus? Sich was abschauen?
Nächster Morgen. Wieder Spinne. Diesmal
hinterm Autospiegel. Fahre sie durchs ganze Land. Und
wozu? Was denkst du? Für eine Seite (so wie diese) aus dem
Buch der Radnetzspinnen, die im Herbst fetter werden? Hochzeits-
faden längst gekappt. Bräutigam schon verspeist. Und das Ergebnis?
Ein Kokon mit kleinen Dingern (kostbar, watteweich verpackt). Später
hundertfaches Durcheinander viel zu vieler kleiner Beine. Immer
schön zusammenbleiben! Erste Mahlzeit? Dies und das und
sonst noch was? Na ja, vielleicht…. die eigene Mutter?
Innig umarmt sie ihren Kokon; lauscht sterbenddem Puls des Lebens:
Bist du noch?
Oder bist du schon gewesen? Wirst du sein?
— (Innig umarmt) —
(Innig umarmt), 2024 Foto: spiderweb, by chivozol, via pexels.com
Der Text ist von Giacomo Puccinis letzter (unvollendeter) Oper Turandot
inspiriert, die auf das persischen Epos der Sieben Schönheiten von Nezami
zurückgeht. Darin beschreibt der Dichter die Wandlung des Sassaniden-Königs Bahram Gur, der sich in sieben Portraits von sieben Prinzessinnen aus sieben Ländern verliebt, eine nach der anderen besucht und sich vom Partylöwen zum verantwortungsvollen Herrscher wandelt. Turandot ist die vierte (ursprünglich russische) Prinzessin, die allen Brautwerbern Rätsel aufgibt. Jeder, der scheitert, muss sterben.
Das Phänomen, dass weibliche Insekten, wie z.B. Gottesanbeterinnen (Mantidae) oder Spinnentiere (Arachniden) ihre Paarungspartner fressen, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass Jungtiere (diverser Tausendfüßer- und Spinnenarten) ihr eigenes Muttertier nach dem Schlupf auffressen (Matriphagie). Bei bestimmten Spinnenarten „opfern“ sich auch weibliche Verwandte ohne eigenen Nachwuchs. Vgl. Animal Behaviour, Volume 132, October 2017, Pages 101-107

PONG: dreimal schlagen sie den Gong… PANG: dreimal raten sie… PING: und dann den Kopf ab!
PONG: und dann den Kopf ab!
(Turandot, Giacomo Puccini)
Bist du ihr ins Netz gegangen? Bist gehangen, stundenlang? Blutleer, dein Kopf (du weißt schon, wo das Blut sich staut) oder hängst du wieder mal verkehrt herum? Frag nicht mich (ich wüsste keine Antwort), frag die Fliege, die im Netz der Spinne hängt, während sich ihr Surren Richtung Unerhörtes schraubt. Angespanntes Lauschen auf die Töne der Verzweiflung (immer höher, immer weiter jetzt entfernt), bis du selber völlig starr geworden bist. Dein Nacken, starr. Die Schultern, starr. Hörst du was? Ich sehe was! Im Abendhimmel hängt ein Netz, in das der Wind Insekten wirft, als Beute oder Wurfgeschoß mit Durchschlagskraft. Der Wind bestimmt das Spiel: Fadenstärke, Richtungswechsel, Beinarbeit. Die Spinne spielt es meisterlich. In den Nachbarnetzen sitzen, regungslos, die Nachwuchsspieler —
Also darauf läuft es raus? Sich was abschauen? Nächster Morgen. Wieder Spinne. Diesmal hinterm Autospiegel. Fahre sie durchs ganze Land. Und wozu? Was denkst du? Für eine Seite (so wie diese) aus dem Buch der Radnetzspinnen, die im Herbst fetter werden? Hochzeitsfaden längst gekappt. Bräutigam schon verspeist. Und das Ergebnis? Ein Kokon mit kleinen Dingern (kostbar, watteweich verpackt). Später hundertfaches Durcheinander viel zu vieler kleiner Beine. Immer schön zusammenbleiben! Erste Mahlzeit? Dies und das und sonst noch was? Na ja, vielleicht… die eigene Mutter? Innig umarmt sie ihren Kokon; lauscht sterbend dem Puls des Lebens:
Bist du noch? Oder bist du schon gewesen? Wirst du sein?
— (Innig umarmt) —
(Innig umarmt), 2024
Foto: spiderweb, by chivozol, via pexels.com
Der Text ist von Giacomo Puccinis letzter (unvollendeter) Oper
Turandot inspiriert, die auf das persischen Epos der Sieben Schönheiten von Nezami zurückgeht. Darin beschreibt der Dichter die Wandlung des Sassaniden-Königs Bahram Gur, der sich in sieben Portraits von sieben Prinzessinnen aus sieben Ländern verliebt, eine nach der anderen besucht und sich vom Partylöwen zum verantwortungsvollen Herrscher wandelt. Turandot ist die vierte (ursprünglich russische) Prinzessin, die allen Brautwerbern Rätsel aufgibt. Jeder, der scheitert, muss sterben.
Das Phänomen, dass weibliche Insekten, wie z.B. Gottesanbeterinnen (Mantidae) oder Spinnentiere (Arachniden) ihre Paarungspartner fressen, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass Jungtiere (diverser Tausendfüßer- und Spinnenarten) ihr eigenes Muttertier nach dem Schlupf auffressen (Matriphagie). Bei bestimmten Spinnenarten „opfern“ sich auch weibliche Verwandte ohne eigenen Nachwuchs („Virgins“). Vgl. Animal Behaviour, Volume 132, October 2017, Pages 101-107
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