Haben wir es (Spuck es aus)

 

Three Hundred And Thirty Five Bullets Will Not Stop Me, by James Earley, via jamesearleyartist.com

Wenn ich sterben muss, musst du leben, um meine Geschichte zu erzählen, um meine Sachen zu verkaufen, um ein Stück Stoff und ein paar Schnüre zu kaufen, (mach es weiß mit einem langen Schwanz), damit ein Kind irgendwo in Gaza (…) den Drachen sieht, meinen Drachen…
             (Wenn ich sterben muss, Refaat Alareer)          

Haben wir es
hinter uns? Haben wir den
Herrgott Stück für Stück herausgepresst? 
Hat er Flügel? Hat er Haare? Schreit er rum, wie andre 
Babys, oder jetzt schon Opferlamm, das zu Ostern (frisch ge-
schlachtet) sofort wieder aufersteht? Nein, du bist damit nicht gemeint! 
Springst vom höchsten Dach, liegst verdreht am Asphalt, stehst nicht wieder 
auf. Hast dich aus dem Staub gemacht. Baby weint, Baby schreit, kann nicht
schlafen, Schafe zählen. Kleine Lämmer; süße, kleine Opferlämmer: eins,
zwei, drei, dreihundertfünfunddreißig Lämmer. Nein, nein, keine Lämmer,  Einschusslöcher. Einschusslöcher? Im Auto, wo ein Kind zusammen
mit sechs Toten sitzt, und leise in ein Handy spricht. Nein,
es schreit und weint dabei. Jetzt spricht es wieder. 
             Hörst du es — ?

 

Sprich lauter, Kind,
sprich lauter! Handy knackt,
Handy rauscht; am anderen Ende, Dispo-
nenten, die der Kleinen Mut zusprechen, während
wir gemeinsam warten, auf das Ende der Geschichte, auf den
großen Rettungseinsatz, auf das Happy End. Ja, ja, so ist er halt, der
Krieg. Nein, nein, so ist die Liebe. Wenn Menschen losziehen, um ein Kind
zu retten, ist das Liebe. Was sagst du? Kein Sterbenswort? Hast dich aus dem
Staub gemacht? Springst vom höchsten Dach, liegst verdreht am Asphalt
und stehst nicht wieder auf? Und doch, wer nicht an Wunder glaubt,
der ist kein Realist.
 So spricht ein Rechter! Nein, ein Linker!
Meinst du vielleicht, so spricht ein Mensch?  
             Komm schon, spuck es aus  —

Haben wir es
hinter uns? Haben wir den Herrgott
Stück für Stück herausgepresst? Hat er Flügel?
Hat er Haare? Schreit er rum, wie andre Babys, oder jetzt
schon Opferlamm? Baby weint, Baby schreit. Hat es Hunger? Haben
hier doch nichts zu essen, Schafe zählen! Kleine Lämmer; süße, kleine
Opferlämmer: eins, zwei, drei, dreihundertfünfunddreißig Einschusslöcher —
Im Auto, wo ein Kind zusammen mit sechs Toten sitzt, und leise in ein Handy
spricht. Nein, es schreit und weint ganz laut. Zwölf Tage später finden
sie das Kind. Und einen Steinwurf weit entfernt, zwei tote 
Sanitäter. Hast du’s jetzt vielleicht kapiert? Dann 
             spuck es endlich aus —-

Haben wir es (Spuck es aus), 2025

Foto: Kite Dancing, by Figure8Photos, via istockphoto.com

Der Text bezieht sich auf das Martyrium der 6-jährigen Hind Rajab, die am 29.Jänner 2024 während einer Militäraktion in Gaza getötet wird, obwohl es bereits grünes Licht für eine Rettungsaktion gab. Mitverantwortlich für die Recherche und Aufarbeitung der näheren Todesumstände Hinds war das interdisziplinäre Kunstprojekt Forensic Architecture (Vgl. Matthias Dusini, Engagierte Kunst/Gaza in Grinzing, Falter). Bisher wurden in Gaza (Stand Dezember 2024) über 13.000 Kinder getötet.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein RealistDavid Ben-Gurion zugeschrieben.

Thank you, James Earley!

Three Hundred And Thirty Five Bullets Will Not Stop Me, by James Earley, via jamesearleyartist.com

Wenn ich sterben muss, musst du leben, um meine Geschichte zu erzählen, um meine Sachen zu verkaufen, um ein Stück Stoff und ein paar Schnüre zu kaufen, (mach es weiß mit einem langen Schwanz), damit ein Kind irgendwo in Gaza (…) den Drachen sieht, meinen Drachen…
             (Wenn ich sterben muss, Refaat Alareer)          

Haben wir es
hinter uns? Haben wir den Herr-

gott Stück für Stück herausgepresst? Hat
er Flügel? Hat er Haare? Schreit er rum, wie andre
Babys, oder jetzt schon Opferlamm, das zu Ostern (frisch
ge
schlachtet) sofort wieder aufersteht? Nein, du bist damit nicht
gemeint! Springst vom höchsten Dach, liegst verdreht am Asphalt, 
stehst nicht wieder auf. Baby weint, Baby schreit, kann nicht schlafen,
Schafe zählen. Kleine Lämmer; 
süße, kleine Opferlämmer: eins, zwei,
drei, dreihundertfünfunddreißig 
Lämmer. Nein, nein, keine Lämmer, Einschusslöcher. Einschusslöcher? Im Auto, wo ein Kind zusammen
mit sechs Toten sitzt, und leise 
in ein Handy spricht. Nein, es
schreit und weint 
dabei. Jetzt spricht es wieder. 

             Hörst du es — ?

 

Sprich lauter, Kind,
sprich lauter! Handy knackt,
Handy rauscht; am anderen Ende, Dispo-
nenten, die der Kleinen Mut zusprechen, während
wir gemeinsam warten, auf das Ende der Geschichte, auf
den großen Rettungseinsatz, auf das Happy End. Ja, ja, so ist er
halt, der Krieg. Nein, nein, so ist die Liebe. Wenn Menschen losziehen, um ein Kind zu retten, ist das Liebe. Was sagst du? Kein Sterbenswort? 
Hast dich aus dem Staub gemacht? Springst vom höchsten Dach, liegst
verdreht am Asphalt und stehst nicht wieder auf. Und doch, wer nicht
an Wunder glaubt, der ist kein Realist. 
So spricht ein Rechter!
Nein, ein Linker! Meinst du vielleicht, so spricht 
ein Mensch? Komm schon, 
             spuck es aus  —

 

Haben wir es
hinter uns? Haben wir
den Herrgott Stück für Stück heraus-
gepresst? Hat er Flügel? Hat er Haare? Schreit er
rum, wie andre Babys, oder jetzt schon Opferlamm? Baby
weint, Baby schreit. Hat es Hunger? Haben hier doch nichts zu
essen, Schafe zählen. Kleine Lämmer; süße, kleine Opferlämmer: eins,
zwei, drei, dreihundertfünfunddreißig — Einschusslöcher — im Auto,
wo ein Kind zusammen mit sechs Toten sitzt, und leise in ein Handy
spricht. Nein, es schreit und weint dabei. Zwölf Tage später finden
sie das Kind. Und einen Steinwurf weit entfernt, zwei tote 
Sanitäter. Hast du’s jetzt vielleicht kapiert? Dann
             spuck es endlich aus —-

Haben wir es (Spuck es aus), 2025

Foto: Kite Dancing, by Figure8Photos, via istockphoto.com

Der Text bezieht sich auf das Martyrium der 6-jährigen Hind Rajab, die am 29.Jänner 2024 während einer Militäraktion in Gaza getötet wird, obwohl es bereits grünes Licht für eine Rettungsaktion gegeben hat. Mitverantwortlich für die Recherche und Aufarbeitung der näheren Todesumstände Hinds war u.a. das interdisziplinäre Kunstprojekt Forensic Architecture (Vgl. Matthias Dusini,
Engagierte Kunst/Gaza in Grinzing, Falter). Bisher wurden in Gaza (Stand Dezember 2024) über 13.000 Kinder getötet.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein RealistDavid Ben-Gurion zugeschrieben.

Thank you, James Earley!

Three Hundred And Thirty Five Bullets Will Not Stop Me, by James Earley, via jamesearleyartist.com

Wenn ich sterben muss, musst du leben, um meine Geschichte zu erzählen, um meine Sachen zu verkaufen, um ein Stück Stoff und ein paar Schnüre zu kaufen, (mach es weiß mit einem langen Schwanz), damit ein Kind irgendwo in Gaza (…) den Drachen sieht, meinen Drachen. (Wenn ich sterben muss, Refaat Alareer)          

Haben wir es hinter uns? Haben wir den Herrgott Stück für Stück herausgepresst? Hat er Flügel? Hat er Haare? Schreit er rum, wie andere Babys, oder jetzt schon Opferlamm, das zu Ostern (frisch geschlachtet) sofort wieder aufersteht? Nein, du bist damit nicht gemeint! Springst vom höchsten Dach, liegst verdreht am Asphalt und stehst nicht wieder auf. Baby weint, Baby schreit, kann nicht schlafen, Schafe zählen. Kleine Lämmer; süße, kleine Opferlämmer: eins, zwei, drei, dreihundertfünfunddreißig Lämmer. Nein, nein, keine Lämmer, Einschusslöcher. Einschusslöcher? Im Auto, wo ein Kind zusammen mit sechs Toten sitzt, und leise in ein Handy spricht? Nein, es schreit und weint dabei. Jetzt spricht es wieder. Hörst du es — ?

 

Sprich lauter, Kind, sprich lauter! Handy knackt, Handy rauscht; am anderen Ende, Disponenten, die der Kleinen Mut zusprechen, während wir gemeinsam warten, auf das Ende der Geschichte, auf den großen Rettungseinsatz, auf das Happy End. Ja, ja, so ist er halt, der Krieg. Nein, nein, so ist die Liebe. Wenn Menschen losziehen, um ein Kind zu retten, ist das Liebe. Was sagst du? Kein Sterbenswort? Hast dich aus dem Staub gemacht. Springst vom höchsten Dach, liegst verdreht am Asphalt und stehst nicht wieder auf. Und doch, wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist. So spricht ein Rechter! Nein, ein Linker! Meinst du vielleicht, so spricht ein Mensch? Komm schon,  spuck es aus  —

Haben wir es hinter uns? Haben wir den Herrgott Stück für Stück herausgepresst? Hat er Flügel? Hat er Haare? Schreit er rum, wie andre Babys, oder jetzt schon Opferlamm? Baby weint, Baby schreit. Hat es Hunger? Haben hier doch nichts zu essen, Schafe zählen! Kleine Lämmer; süße, kleine Opferlämmer: eins, zwei, drei, dreihundertfünfunddreißig Einschusslöcher — im Auto, wo ein Kind zusammen mit sechs Toten sitzt, und leise in ein Handy spricht. Nein, es schreit und weint dabei. Zwölf Tage später finden sie das Kind. Und einen Steinwurf weit entfernt, zwei tote Sanitäter. Hast du’s jetzt vielleicht kapiert? Dann spuck es endlich aus —-

Haben wir es (Spuck es aus), 2025

Foto: Kite Dancing, by Figure8Photos, via istockphoto.com 

Der Text bezieht sich auf das Martyrium der 6-jährigen Hind Rajab, die am 29.Jänner 2024 während einer Militäraktion in Gaza getötet wird, obwohl es bereits grünes Licht für eine Rettungsaktion gab. Mitverantwortlich für die Recherche und Aufarbeitung der näheren Todesumstände Hinds war u.a. das interdisziplinäre Kunstprojekt Forensic Architecture (Vgl. Matthias Dusini, 
Engagierte Kunst/Gaza in Grinzing, Falter). Bisher wurden in Gaza (Stand Dezember 2024) über 13.000 Kinder getötet. 

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein RealistDavid Ben-Gurion  zugeschrieben. 

Thank you, James Earley!