Der Berg

El Coloso (Der Riese), Goya zugeschrieben, nach 1808, Öl auf Leinwand, Museo del Prado, Madrid

Was baust du Wirm? Ich baue einen Berg! Helft nur, seht, wie hoch er schon ist!
             Der Riese Wirm (nacherzählt von Nathalie Beer)

„On parle pour les autres, mais on se tait pour soi-même“
             Marcel Proust

Ist er das?
Der schöne Berg? Mit dem Denkmal
für Gestalten, die es nie gegeben hat? Zum Beispiel,
Riesen. Einer davon war der Wirm. Mit dem riesengroßen Herz.
Schlägt wie Donner durch das Tal. Stürzen gleich die Berge ein? Nein,
der Wirm baut Berge auf! Und einer soll der Schönste sein. Im Süden, Welle/
buckelt, bricht. Nach Norden hin, steil ins Tal. Und mittendrin, die Säule, die
der Sage nach, sein Grab markiert: Schmal wie eine Ehrennadel, nicht aus
Gold, aus blankem Fels. Wer war Wirm? Zweifellos, ein schöner Mann.
Wie er da steht und konzentriert den Berg betrachtet. Jetzt
ist er/sein Daseinszweck. Doch das war
             nicht immer so… 

 

Ist das Fluglärm?
Kopf im Nacken. Über uns, die
Tupolew, fliegt von Moskau Richtung Lagos.
An Bord hundertachtzig Leute, vier davon/sind Air Marshals
in Zivil. Niemand kennt sie, keiner weiß, dass sie an Bord sind, bis 
Unmögliches passiert: ein Passagier stellt Forderungen, droht sich in die
Luft zu sprengen. Was dann passiert, geht um die Welt: Die Entführung 
wird
gestoppt. Dabei fällt kein Schuss. Kein einziger. Niemand wird 
verletzt. Selbst
der Entführer wird, an Leib und Leben unbeschadet, 
der Justiz übergeben.
Und die Helden? Unerkannt. Bis auf einen. 
Nennen wir ihn einfach
Wirm. Weil er wie ein Riese 
dasteht und den 
             schönen Berg 
betrachtet — ?

 

Wieso nicht?
Zieht es ihn vielleicht zur Jagd/
auf Rotwild, statt auf Randalierer? Als ob es
hier in diesem Tal keine Randalierer gibt! Grade hier, viel
zu viele. Hat die Jagd denn nie ein Ende? Doch, das hat sie. Grade hier,
vor diesem Berg. Und wer bist du? Bist du Wirm? Viel zu viele falsche
Namen. Etwas Größerem verpflichtet. Als der Wahrheit? Wie der Riese
seinem Berg. 
Und mittendrin die Säule, die sein Grab markiert: 
Wirmsul, seine Ehrennadel. Nicht aus Gold. Aus Stein.
Und Worten. Und der Riese? Steht da
             und schweigt. 

Der Berg, 2026

Foto: Kanisfluh, Nordflanke, Carsten Steger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 

Der Text bezieht sich auf Hochrisikojobs, hier am Beispiel von Flugsicherheitsbegleitern, die potentiell gefährliche Flüge weltweit begleiten, um im Ernstfall einzugreifen, wie z.B. bei der Entführung einer russischen Aeroflot Maschine 1996.

El Coloso (Der Riese), Goya zugeschrieben, nach 1808, Öl auf Leinwand, Museo del Prado, Madrid

Was baust du Wirm? Ich baue einen Berg! Helft nur, seht, wie hoch er schon ist!
             Der Riese Wirm (nacherzählt von Nathalie Beer)

„On parle pour les autres, mais on se tait pour soi-même“
             Marcel Proust

Ist er das?
Der schöne Berg? Mit dem
Denkmal für Gestalten, die es nie gegeben
hat? Zum Beispiel, Riesen. Einer davon war der Wirm 
mit dem riesengroßen Herz. Schlägt wie Donner durch das Tal.
Stürzen gleich die Berge ein! Nein, der Wirm baut Berge auf. Und
einer soll der Schönste sein. Im Süden, Welle; buckelt, bricht. Nach
Norden hin, steil ins Tal. Und mittendrin, die Säule, die, der Sage
nach, sein Grab markiert: Schmal wie eine Ehrennadel, nicht aus
Gold, aus blankem Fels. Wer war Wirm? Zweifellos, ein schöner
Mann. Wie er da steht und konzentriert den Berg betrachtet.
Jetzt ist er/sein Daseinszweck. Doch das war
             nicht immer so… 

Ist das Fluglärm?
Kopf im Nacken. Über uns, die
Tupolew, fliegt von Moskau Richtung Lagos.
An Bord, hundertachtzig Leute, vier davon/sind Air Marshals
in Zivil. Niemand kennt sie, keiner weiß, dass sie an Bord sind, bis 
Unwahrscheinliches passiert: ein Passagier stellt Forderungen, droht sich 
in die Luft zu sprengen. Was dann kommt, geht um die Welt: Die Entführung
wird gestoppt und dabei fällt kein Schuss. Kein einziger. Niemand wird ver- 
letzt. Selbst der Entführer wird, an Leib und Leben unbeschadet, der Justiz übergeben. Und die Helden? Unerkannt. Bis auf einen. Nennen wir
ihn einfach Wirm. Weil er wie ein Riese 
da steht und 
             den schönen Berg 
betrachtet — ?

Wieso nicht?
Zieht es ihn vielleicht zur Jagd/
auf Rotwild, statt auf Randalierer? Als ob es hier
in diesem Tal keine Randalierer gibt! Grade hier, viel zu viele!
Hat die Jagd denn nie ein Ende? Doch, das hat sie. Grade hier, vor
diesem Berg. Wer bist du? Bist du Wirm? Viel zu viele falsche Namen.
Etwas Größerem verpflichtet. Wie der Wahrheit? Wie der Riese seinem
Berg.
Und mittendrin die Säule, die sein Grab markiert: Wirmsul, seine Ehrennadel. Nicht aus Gold. Aus Stein. Und 
Worten. Und der Riese? Steht da. 
             Und schweigt.

Der Berg, 2026

Foto: Kanisfluh, Nordflanke, Carsten Steger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 

Der Text bezieht sich auf Hochrisikojobs, hier am Beispiel von Flugsicherheitsbegleitern, die potentiell gefährliche Flüge weltweit verdeckt begleiten, um im Ernstfall einzugreifen, wie z.B. bei der Entführung einer russischen Aeroflot Maschine, 1996

El Coloso (Der Riese), Goya zugeschrieben, nach 1808, Öl auf Leinwand, Museo del Prado, Madrid

„Was baust du Wirm? Ich baue einen Berg! Helft nur, seht, wie hoch er schon ist!“
Der Riese Wirm (nacherzählt von Nathalie Beer)

„On parle pour les autres, mais on se tait pour soi-même“ 
Marcel Proust

Ist er das? Der schöne Berg? Mit dem Denkmal für Gestalten, die
es nie gegeben hat? Zum Beispiel, Riesen. Einer davon war der Wirm.  Mit dem riesengroßen Herz; schlägt wie Donner durch das Tal. Stürzen gleich die Berge ein? Nein, der Wirm baut Berge auf! Und einer soll der Schönste sein. Im Süden, Welle; buckelt, bricht. Nach Norden hin, steil ins Tal. Und mittendrin, die Säule, die, der Sage nach, sein Grab markiert: Schmal wie eine Ehrennadel, nicht aus Gold, aus blankem Fels. Wer war Wirm? Zweifellos, ein schöner Mann. Wie er da steht und konzentriert den Berg betrachtet. Jetzt ist er/sein Daseinszweck. Doch das war nicht immer so…

Ist das Fluglärm? Kopf im Nacken. Über uns, die Tupolew, fliegt von Moskau Richtung Lagos. An Bord,  hundertachtzig Leute, vier davon/
sind Air Marshals 
in Zivil. Niemand kennt sie, keiner weiß, dass sie an Bord sind, bis Unmögliches passiert: ein Passagier stellt Forderungen, droht sich in die Luft zu sprengen. Was dann passiert, geht um die Welt: Die Entführung  

wird gestoppt. Dabei fällt kein Schuss. Kein einziger. Niemand wird verletzt. Selbst der Entführer wird, an Leib und Leben unbeschadet, der Justiz übergeben. Und die Helden? Unerkannt. Bis auf einen. Nennen wir ihn einfach Wirm. Weil er wie ein Riese dasteht und den schönen Berg betrachtet — ?

Wieso nicht? Zieht es ihn vielleicht zur Jagd/auf Rotwild, statt auf Randalierer? Als ob es hier in diesem Tal keine Randalierer gibt! Grade hier, viel zu viele. Hat die Jagd denn nie ein Ende? Doch, das hat sie. Grade hier vor diesem Berg. Und wer bist du? Bist du Wirm? Viel zu viele falsche Namen! Etwas Größerem verpflichtet. Als der Wahrheit? Wie der Riese seinem Berg. Und mittendrin die Säule, die, sein Grab markiert: Wirmsul, seine Ehrennadel. Nicht aus Gold. Aus Stein und Worten. Und der Riese? Steht da und schweigt.

Der Berg, 2026

Foto: Kanisfluh, Nordflanke, Carsten Steger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 

Der Text bezieht sich auf Hochrisikojobs, hier am Beispiel von Flugsicherheitsbegleitern, die potentiell gefährliche Flüge weltweit verdeckt begleiten, um im Ernstfall einzugreifen, wie z.B. bei der Entführung einer russischen Aeroflot Maschine 1996