Bist du zu alt (Tandaradei)

Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf an Peter Wapnewski, aus: Peter Rühmkorf, Des Reiches genialste Schandschnauze, Göttingen 2017

Ich saß auf einem Schragen/Bein auf Bein geschlagen/darauf den Unterarm gestemmt/Handteller unters Kinn geklemmt/die Wange inbegriffen/rätselnd mit was für Kniffen/man alte Monumente/zeitlich versetzen könnte/besser noch übertragen!/O, Fragen über Fragen/Zum Beispiel unseren Walther/aus dem Hohen Mittelalter/d.h. aus grüner Vorzeit/in unsre Plumps-Perdü-Zeit/So litt ich unter Kopfbeschwerden/die jedes Gleichgewicht gefährden…
              (Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf)

Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, dâ muget ir vinden
schône beide gebrochen bluomen unde gras. Vor dem walde in einem tal,
tandaradei, schône sanc diu nahtegal.
              (Unter der linden, Walther von der Vogelweide)

Bist du zu alt
fürs Geschäft? Magst nicht
mehr in hohen Hacken mit den schwarzen
Augen zwinkern, wie Schneewittchen, die sogar den
Jäger umstimmt, der, anstatt sie umzubringen, freundlich fragt:
Ey, kommst du mit? Na, klar doch, über sieben Berge! Bin dabei! Den
ersten Pass passieren wir bei bestem Wetter. Dann legen sich die Berge
quer. Vom Druck der schwindenden Gletscher befreit, bröseln sie uns vor die Füße. Mittendrin, kleine Dörfer, protzige Hotelanlagen, Personal aus
aller Welt. Guck dir nur die Augen aus! Kirche, schon mal abgesoffen, direkt
hinterm zweiten Pass, aber einwandfreie Sicht. Keine explodierten Leiber, keine krassen Trümmerbrüche auf der blanken Windschutzscheibe. Wer
befruchtet hier die Blüten? Zugekaufte Bienen? Für, weit und breit,
die schönsten Äpfel? Garantiert ungespritzt! Machen uns die
Wangen rot, keinen tot, tandaradei. Ach, Märchen
             sind gut fürs Geschäft —

Was zwitschert uns
das Vögelchen? Dass Walther von
der Vogelweide, anstatt Wasser, lieber Wein
getrunken hat? Was kümmert uns ein Minnesänger?
Was, sein nasser Winterpelz, wenn der Sänger hoch zu Ross,
durch die wilden Wälder reitet, weiter noch von Hof zu Hof mit Sack 
und Pack und Tandaradei? Schnell! In die besten Kleider steigen, spielen,
speisen, Frauen preisen und null Chancen auf Erhörung, oder doch? Gleich 
hier unter der Linde, oder lieber erst in Bozen unter der Loreto-Brücke, wo
Afrika die Beine grätscht für höchstens ein paar Zehner? Wenn es nur so
einfach wäre! In deinem Spritzheft (ungelogen) häufen sich die leeren
Seiten. Bist du zu alt fürs Geschäft? Gehst doch lieber Äpfel oder
süße Trauben ernten? Machen dir die Wangen rot,
keinen tot, tandaradei. Ach, Märchen 
             sind gut fürs Geschäft —

Später dann, bei Wein
und Pizza auf dem Bozner Waltherplatz,
einem alten Spielmann lauschen. Bitter-süß, seine Lieder,
             bitter-süß, das Geschäft  —

Bist du zu alt (Tandaradei), 2024

Foto: Straßen-Prostituierte, by microgen, via istockphoto.com

Der Text ist locker an das deutsche Volksmärchen Schneewittchen angelehnt und bedient sich dabei loser Bilder und Eindrücke einer Alpenfahrt nach Bozen. Der Weg führt durchs Vinschgau, wo sich auf denkbar kleinstem Raum das größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas befindet. Die Massenproduktion perfekter Äpfel erfordert neben Insekten (für die Bestäubung) und importierten Erntehelfern, auch den Einsatz diverser Spritzgifte, die vom berühmten Vinschger Wind bis auf die höchsten Gipfel verfrachtet werden. In den letzten Jahren haben die Spritzhefte der Südtiroler Obstbauern auch die Gerichte beschäftigt (Südtiroler Pestizid-Prozess). Bis zur generellen Offenlegung von Pestizid-Daten wird es aber noch ein bisschen dauern. 

Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf an Peter Wapnewski, aus: Peter Rühmkorf, Des Reiches genialste Schandschnauze, Göttingen 2017

Ich saß auf einem Schragen/Bein auf Bein geschlagen/darauf den Unterarm gestemmt/Handteller unters Kinn geklemmt/die Wange inbegriffen/rätselnd mit was für Kniffen/man alte Monumente/zeitlich versetzen könnte/besser noch übertragen!/O, Fragen über Fragen/Zum Beispiel unseren Walther/aus dem Hohen Mittelalter/d.h. aus grüner Vorzeit/in unsre Plumps-Perdü-Zeit/So litt ich unter Kopfbeschwerden/die jedes Gleichgewicht gefährden…
              (Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf)

Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, dâ muget ir vinden schône beide gebrochen bluomen unde gras. Vor dem walde in einem tal, tandaradei, schône sanc diu nahtegal.
              (Unter der linden, Walther von der Vogelweide)

Bist du zu alt
fürs Geschäft? Magst nicht
mehr in hohen Hacken mit den schwarzen
Augen zwinkern, wie Schneewittchen, die sogar den
Jäger umstimmt, der, anstatt sie umzubringen, freundlich fragt:
Ey, kommst du mit? Na, klar doch, über sieben Berge! Bin dabei! Den
ersten Pass passieren wir bei bestem Wetter. Dann legen sich die Berge
quer. Vom Druck der schwindenden Gletscher befreit, bröseln sie uns vor die Füße. Mittendrin, kleine Dörfer, protzige Hotelanlagen, Personal aus
aller Welt. Guck dir nur die Augen aus! Kirche, schon mal abgesoffen, direkt
hinterm zweiten Pass, aber einwandfreie Sicht. Keine explodierten Leiber, keine krassen Trümmerbrüche auf der blanken Windschutzscheibe. Wer
befruchtet hier die Blüten? Zugekaufte Bienen? Für, weit und breit,
die schönsten Äpfel? Garantiert ungespritzt! Machen uns die
Wangen rot, keinen tot, tandaradei. Ach, Märchen
             sind gut fürs Geschäft —

 

Was zwitschert uns
das Vögelchen? Dass Walther von
der Vogelweide, anstatt Wasser, lieber Wein
getrunken hat? Was kümmert uns ein Minnesänger?
Was, sein nasser Winterpelz, wenn der Sänger hoch zu Ross,
durch die wilden Wälder reitet, weiter noch von Hof zu Hof mit
Sack und Pack und Tandaradei? Schnell! In die besten Kleider stei-
gen, spielen, speisen, Frauen preisen und null Chancen auf Erhörung,
oder doch? Gleich hier unter der Linde, oder lieber erst in Bozen unter
der Loreto-Brücke, wo Afrika die Beine grätscht für höchstens ein paar
Zehner? Wenn es nur so einfach wäre! In deinem Spritzheft (unge-
logen) häufen sich die leeren Seiten. Bist du zu alt fürs Geschäft?
Gehst doch lieber Äpfel (oder süße Trauben) ernten? Machen
dir die Wangen rot, keinen tot, tandaradei. Ach,
             Märchen sind gut fürs Geschäft —

 

Später dann, bei Wein
und Pizza auf dem Bozner Waltherplatz,
einem alten Spielmann lauschen. Bitter-süß, seine Lieder,
             bitter-süß, das Geschäft  —

Bist du zu alt (Tandaradei), 2024

Foto: Straßen-Prostituierte, by microgen, via istockphoto.com

Der Text ist locker an das deutsche Volksmärchen Schneewittchen angelehnt und bedient sich dabei loser Bilder und Eindrücke einer Alpenfahrt nach Bozen. Der Weg führt durchs Vinschgau, wo sich auf denkbar kleinstem Raum das größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas befindet. Die Massenproduktion perfekter Äpfel erfordert neben Insekten (für die Bestäubung) und importierten Erntehelfern, auch den Einsatz diverser Spritzgifte, die vom berühmten Vinschger Wind bis auf die höchsten Gipfel verfrachtet werden. In den letzten Jahren haben die Spritzhefte der Südtiroler Obstbauern auch die Gerichte beschäftigt (Südtiroler Pestizid-Prozess). Bis zur generellen Offenlegung von Pestizid-Daten wird es aber noch ein bisschen dauern.

Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf an Peter Wapnewski, aus: Peter Rühmkorf, Des Reiches genialste Schandschnauze, Göttingen 2017

Ich saß auf einem Schragen/Bein auf Bein geschlagen/darauf den Unterarm gestemmt/Handteller unters Kinn geklemmt/die Wange inbegriffen/rätselnd mit was für Kniffen/man alte Monumente/zeitlich versetzen könnte/besser noch übertragen!/O, Fragen über Fragen/Zum Beispiel unseren Walther/aus dem Hohen Mittelalter/d.h. aus grüner Vorzeit/in unsre Plumps-Perdü-Zeit/So litt ich unter Kopfbeschwerden/die jedes Gleichgewicht gefährden…
(Versuch einer Nachstellung, Peter Rühmkorf)

Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, dâ muget ir vinden schône beide gebrochen bluomen unde gras. Vor dem walde in einem tal,
tandaradei, schône sanc diu nahtegal (Unter der linden, Walther von der Vogelweide)

Bist du zu alt fürs Geschäft? Magst nicht mehr in hohen Hacken mit den schwarzen Augen zwinkern, wie Schneewittchen, die sogar den Jäger umstimmt, der, anstatt sie  umzubringen, freundlich fragt: Ey, kommst du mit? Na, klar doch, über sieben Berge! Bin dabei! Den ersten Pass passieren wir bei bestem Wetter. Dann legen sich die Berge quer. Vom Druck der schwindenden Gletscher befreit, bröseln sie uns vor die Füße. Mittendrin, kleine Dörfer, protzige Hotelanlagen, Personal aus aller Welt. Guck dir nur die Augen aus! Kirche, schon mal abgesoffen, direkt hinterm zweiten Pass, aber einwandfreie Sicht. Keine explodierten Leiber, keine krassen Trümmerbrüche auf der blanken Windschutzscheibe. Wer befruchtet hier die Blüten? Zugekaufte Bienen? Für, weit und breit, die schönsten Äpfel? Garantiert ungespritzt! Machen uns die Wangen rot, keinen tot, tandaradei. Ach, Märchen sind gut fürs Geschäft —

Was zwitschert uns das Vögelchen? Dass Walther von
der Vogelweide, anstatt Wasser, lieber Wein getrunken hat? Was kümmert uns ein Minnesänger?
Was, sein nasser Winterpelz, wenn der Sänger hoch zu Ross,
durch die wilden Wälder reitet, weiter noch von Hof zu Hof mit Sack und Pack und Tandaradei? Schnell! In die besten Kleider steigen, spielen, speisen, Frauen preisen und null Chancen auf Erhörung, oder doch? Gleich 
hier unter der Linde, oder lieber erst in Bozen unter der Loreto-Brücke, wo Afrika die Beine grätscht für höchstens ein paar Zehner? Wenn es nur so einfach wäre! In deinem Spritzheft (ungelogen) häufen sich die leeren Seiten. Bist du zu alt fürs Geschäft? Gehst doch lieber Äpfel (oder süße Trauben) ernten? Machen dir die Wangen rot, keinen tot, tandaradei. Ach, Märchen sind gut fürs Geschäft —

Später dann, bei Wein und Pizza auf dem Bozner Waltherplatz,
einem alten Spielmann lauschen. Bitter-süß, seine Lieder, bitter-süß, das Geschäft  —

Bist du zu alt (Tandaradei), 2024

Foto: Straßen-Prostituierte, by microgen, via istockphoto.com

Der Text ist locker an das deutsche Volksmärchen 
Schneewittchen angelehnt und bedient sich dabei loser Bilder und Eindrücke einer Alpenfahrt nach Bozen. Der Weg führt durchs Vinschgau, wo sich auf denkbar kleinstem Raum das größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas befindet. Die Massenproduktion perfekter Äpfel erfordert neben Insekten (für die Bestäubung) und importierten Erntehelfern, auch den Einsatz diverser Spritzgifte, die vom berühmten Vinschger Wind bis auf die höchsten Gipfel verfrachtet werden. In den letzten Jahren haben die Spritzhefte der Südtiroler Obstbauern auch die Gerichte beschäftigt (Südtiroler Pestizid-Prozess). Bis zur generellen Offenlegung von Pestizid-Daten wird es aber noch ein bisschen dauern.