verena laengle

Satansbraten

Gerechtigkeit, Lucas Cranach der Ältere, 1530/40, Österbottens Museum, Vaasa, Vgl. www.lucascranach.org

„Was gibt’s heute? Satansbraten! Mit Speck und Wurzelwerk geschmort im eignen Saft…“
             (Kleines Hexenkochbuch)

„Die Beklagte (habe) derart lauten Geschlechtsverkehr gehabt, dass das Stöhnen in der Wohnung der Klägerin deutlich wahrnehmbar gewesen sei. Die Klägerin habe sich veranlasst gesehen, bei der Beklagten zu klingeln. In der Folge sei es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen. Die Klägerin habe die Beklagte auch mit dem Umbringen bedroht…“
             (Heiteres Bezirksgericht, Folge 2024)

Stell dir vor, ein Tag
wie dieser im Jahr Sechshundert-und-
zwölf. Saturn steht in der Waage (bringt Gerechtigkeit
per Schwert), Himmel blau und hochgewölbt und weiter unten
glotzt das Auge eines nahen Sees herauf. Ach, du schöner Bodensee!
Denken sich zwei müde Mönche, als sie nahes Rauschen hören. Ach,
ein Bächlein! (das man später Steinach nennt; weil der Bach dort über
Steine in ein dunkles Fischloch springt) Gut zum rasten! Sagen sich
die beiden Mönche. Gallus stolpert, flucht auf gälisch (oder irisch),
überliefert ist allein der legendäre Spruch, Haec requies mea
in saeculum saeculi (
Hier sei meine Ruhestätte
bis in alle Ewigkeit). Gott denkt sich,
             Kannst du haben —

 

Und schon kommt
ein Bär daher, der (statt Mönche auf-
zufressen) lieber tanzt und Holz herbeischafft! (eine
Pranke wäscht die andre.) Dazu Fische ohne Ende aus der
Steinach, wären da nicht diese Weiber, die so gerne nackig baden!
O scelera! ruft Gallus (verdammt noch mal, auf Deutsch), kriegt dabei
gar nicht mit, wie sehr sein Fluch ins Schwarze trifft. Noch viele hundert
Jahre später werden Weiblein, manchmal Männlein in der Steinach umge-
bracht. Kopf einsacken und solange unter Wasser drücken, bis sich nichts
mehr regt, wie unter Gallus‘ Kutte. Schnitt. Ankunft in der Gegenwart. Da
ist eine Wohnanlage, vollgestopft mit Menschen, wie der schönen Nach-
barin, die so laut Gott-weiß-mit-wem verkehrt, bis die Polizei vorfährt.
Wände haben nun mal Ohren. Sehen nicht die kleine Hand. Liegt
als nasser Fisch an Land; zappelt, schnappt nach Luft, bis
dieser alte Sack (von Großvater) sie so fest nach
unten drückt, bis sich nichts mehr regt
             (unter seiner Kutte) — 

 

Ist das Urteil schon
ergangen? Welches Urteil? Das im Fall
der Ruhestörung, Angriff (tätlich) und so weiter,
kleine Hand versus schöne Nachbarin! Jaja, die Sache ist
entschieden. Gewonnen hat die Nachbarin. Weil in den eigenen vier
Wänden,  vögeln wir, wie’s uns gefällt. Ach, was! Nicht dein Ernst! Gewonnen
hat die kleine Hand. Weil das hier ist genau IHR DING (nicht deins, du
blöde Bitch) und erst recht nicht Opas DING (der frisst ihr aus
der Hand). Niemals würde sie die Hand, die kleine
             gegen — ihn — erheben —  

 

Alles klar? Fehlt noch was?
(außer dem Zusammenhalt zwischen blöden Weibern)
Das Tischgebet? Was gibt’s denn heute? Satansbraten? Schmort
so schön im eignen Saft…! Hier und jetzt und allezeit
             (unter seiner Kutte). Amen.
 

Satansbraten, 2024                       Foto: Blonde, by Jan Kruckau, via pexels.com

Der lateinischen Vers, den Gallus der Legende nach zitiert, lautet vollständig:
Haec requies mea in saeculum saeculi; hic habitabo quoniam elegi eam. = Dies ist meine Ruhestätte in alle Ewigkeit; hier will ich wohnen; denn ich habe sie mir auserwählt. (Psalm 131, Liber Psalmorum, Vers 14)

An der historischen Richtstätte an der Steinach in St. Gallen (Stadt) wurden zwischen 1465 und 1595 acht Frauen und zwei Männer durch Säcken (Ertränken) hingerichtet; v.a. wegen der Tötung von Neugeborenen (Kindsmord), aber auch wegen anderer Delikte. (Quelle: Ernst Ziegler, Über das Säcken in der Reichsstadt und Republik St. Gallen, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 131. Heft, 2013)

Zur Christianisierung Vorarlbergs und der Ostschweiz, Vgl. Wikipedia, Iroschottische Mission bzw. Columban und Gallus.

Gerechtigkeit, Lucas Cranach der Ältere, 1530/40 Österbottons Museum, Vaasa, via Wikpedia via www.lucascranach.org

„Was gibt’s heute? Satansbraten? Mit Speck und Wurzelwerk geschmort im eignen Saft…“
             (Kleines Hexenkochbuch)   

„Die Beklagte (habe) derart lauten Geschlechtsverkehr gehabt, dass das Stöhnen in der Wohnung der Klägerin deutlich wahrnehmbar gewesen sei. Die Klägerin habe sich veranlasst gesehen, bei der Beklagten zu klingeln (…) In der Folge sei es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen. Die Klägerin habe die Beklagte auch mit dem Umbringen bedroht…“   

Stell dir vor, ein Tag
wie dieser im Jahr Sechshundert-und-
zwölf. Saturn in der Waage bringt Gerechtigkeit
per Schwert, Himmel blau und hochgewölbt und weiter
unten glotzt das Auge eines nahen Sees herauf. Ach, du schöner
Bodensee! Denken sich zwei müde Mönche, als sie nahes Rauschen
hören. Ach, ein Bächlein! (das man später Steinach nennt; weil der Bach
dort über Steine in ein dunkles Fischloch springt) Gut zum rasten! Sagen
sich die beiden Mönche; Gallus stolpert, flucht auf gälisch (oder irisch), überliefert ist allein der legendäre Spruch: Haec requies mea
in saeculum saeculi  
(Hier sei meine Ruhestätte
bis in alle Ewigkeit). Gott denkt sich,
             Kannst du haben —

 

Und schon kommt
ein Bär daher, der, statt Mönche
auf
zufressen, lieber tanzt und Holz herbeischafft! 

(Eine Pranke wäscht die andre). Dazu Fische ohne Ende aus
der Steinach, wären da nicht diese Weiber, die so gerne nackig
baden! O scelera!, ruft Gallus (verdammt noch mal, auf Deutsch);
kriegt dabei gar nicht mit, wie sehr sein Fluch ins Schwarze trifft. Noch
viele hundert Jahre später werden Weiblein, manchmal Männlein in der
Steinach umgebracht. Kopf einsacken und solange unter Wasser drücken,
bis sich nichts mehr regt, wie unter Gallus‘ Kutte. Schnitt. Die Gegenwart.
Da ist eine Wohnanlage, vollgestopft mit Menschen, wie der schönen
Nachbarin, die so laut weiß-Gott-mit-wem verkehrt, bis die Polizei
vorfährt. Wände haben nun mal Ohren. Sehen nicht die kleine
Hand. Liegt als nasser Fisch an Land; zappelt, schnappt
nach Luft, bis dieser Sack (von Großvater) sie so fest
nach unten drückt, bis sich nichts mehr regt 
             (unter seiner Kutte) —

 

Ist das Urteil schon
ergangen? Welches Urteil? Das im
Fall der Ruhestörung, Angriff (tätlich), kleine Hand vs.
schöne Nachbarin! Jaja, die Sache ist entschieden. Gewonnen
hat die Nachbarin. Weil in den eigenen vier Wänden vögeln wir, wie’s uns
gefällt. Ach, was! Gewonnen hat die kleine Hand! Weil das hier ist
genau IHR DING (nicht deins, du blöde Bitch) und erst recht
nicht Opas DING, der frisst ihr aus der Hand! Niemals
würde sie die Hand, die kleine, gegen —
             — ihn — erheben — 

 

Alles klar? Fehlt noch was?
(außer dem Zusammenhalt zwischen blöden Weibern)
Das Tischgebet? Was gibt’s denn heute? Satansbraten? Schmort
so schön im eignen Saft! Hier und jetzt und allezeit
             (unter seiner Kutte). Amen.

Satansbraten, 2024

Foto: Blonde, by Jan Kruckau, via pexels.com

Der lateinischen Vers, den Gallus der Legende nach zitiert, lautet vollständig:
Haec requies mea in saeculum saeculi; hic habitabo quoniam elegi eam. = Dies ist meine Ruhestätte in alle Ewigkeit; hier will ich wohnen; denn ich habe sie mir auserwählt. (Psalm 131, Liber Psalmorum, Vers 14)

An der historischen Richtstätte an der Steinach in St. Gallen (Stadt) wurden zwischen 1465 und 1595 acht Frauen und zwei Männer durch Säcken (Ertränken) hingerichtet; v.a. wegen der Tötung von Neugeborenen (Kindsmord), aber auch wegen anderer Delikte. (Quelle: Ernst Ziegler, Über das Säcken in der Reichsstadt und Republik St. Gallen, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 131. Heft, 2013)

Zur Christianisierung Vorarlbergs und der Ostschweiz, Vgl. Wikipedia, Iroschottische Mission bzw. Columban und Gallus.

Gerechtigkeit, Lucas Cranach der Ältere, 1530/40, Karl Hedmann Collection, Österbottens Museum, Vaasa, Vgl. www.lucascranach.org

„Was gibts heute? Satansbraten! Mit Speck und Wurzelwerk geschmort im eignen Saft…“ 
(Kleines Hexenkochbuch)

„Die Beklagte (habe) wiederholt derart lauten Geschlechtsverkehr gehabt, dass das Stöhnen in der Wohnung der Klägerin deutlich  wahrnehmbar gewesen sei. Die Klägerin habe sich veranlasst gesehen, bei der Beklagten zu klingeln (…) In der Folge sei es zu einer tätlichen  Auseinandersetzung gekommen. Die Klägerin habe die Beklagte auch mit dem Umbringen bedroht…“ (Heiteres Bezirksgericht, Folge 2024)

Stell dir vor, ein Tag wie dieser im Jahr Sechshundert-und-zwölf. Saturn steht in der Waage, bringt Gerechtigkeit per Schwert; Himmel blau und hochgewölbt und weiter unten glotzt das Auge eines nahen Sees herauf. Ach, du schöner Bodensee! Denken sich zwei müde Mönche, als sie nahes Rauschen hören. Ach, ein Bächlein! (das man später Steinach nennt, weil der Bach dort über Steine in ein dunkles Fischloch springt) Gut zum Rasten! Sagen sich die beiden Mönche. Gallus stolpert, flucht auf gälisch (oder irisch), überliefert ist allein der legendäre Satz: Haec requies mea in saeculum saeculi (Hier sei meine Ruhestätte bis in alle Ewigkeit). Gott denkt sich, Kannst du haben —

 

Und schon kommt ein Bär daher, der statt Mönche aufzufressen,  lieber tanzt und Holz herbeischafft! (Eine Pranke wäscht die andre.) Dazu Fische ohne Ende aus der Steinach, wären da nicht diese Weiber, die so gerne nackig baden. O scelera! ruft Gallus (verdammt noch mal, auf Deutsch); kriegt dabei gar nicht mit, wie sehr sein Fluch ins Schwarze trifft. Noch viele hundert Jahre später werden Weiblein, manchmal Männlein in der Steinach umgebracht: Kopf einsacken und solange unter Wasser drücken, bis sich nichts mehr regt (wie unter Gallus‘ Kutte). Schnitt. Die Gegenwart. Da ist eine  Wohnanlage, vollgestopft mit Menschen, wie der schönen Nachbarin, die so laut weiß-Gott-mit-wem verkehrt, bis die Polizei vorfährt. Wände haben nun mal Ohren. Sehen nicht die kleine Hand. Liegt als nasser Fisch an Land; zappelt, schnappt nach Luft, bis dieser Sack (von Großvater) sie so fest nach unten drückt, bis sich nichts mehr regt (unter seiner Kutte) — 

 

Ist das Urteil schon ergangen? Welches Urteil? Das im Fall der Ruhestörung, Angriff (tätlich), kleine Hand vs. schöne Nachbarin! Jaja, die Sache ist entschieden. Gewonnen hat die Nachbarin, weil wir in unsren Wänden vögeln, wie es uns gefällt. Ach, was! Gewonnen hat die kleine Hand! Weil das hier ist allein IHR DING (nicht deins, du blöde Bitch) und erst recht nicht Opas DING, der frisst ihr aus der Hand! Niemals würde sie die Hand, die kleine — gegen — ihn — erheben — 

 

Alles klar? Fehlt noch was? (außer dem Zusammenhalt zwischen blöden Weibern). Das Tischgebet? Was gibt’s denn heute? Satansbraten? Schmort so schön im eignen Saft…! Hier und jetzt und allezeit (unter seiner Kutte). Amen. 

Satansbraten, 2024                     

Foto: Blonde, by Jan Kruckau, via pexels.com

Der lateinischen Vers, den Gallus der Legende nach zitiert, lautet vollständig: Haec requies mea in saeculum saeculi; hic habitabo quoniam elegi eam. = Dies ist meine Ruhestätte in alle Ewigkeit; hier will ich wohnen; denn ich habe sie mir auserwählt. (Psalm 131, Liber Psalmorum, Vers 14)

An der historischen Richtstätte an der Steinach in St. Gallen (Stadt) wurden zwischen 1465 und 1595 acht Frauen und zwei Männer durch Säcken (Ertränken) hingerichtet; v.a. wegen der Tötung von Neugeborenen (Kindsmord), aber auch wegen anderer Delikte. (Quelle: Ernst Ziegler, Über das Säcken in der Reichsstadt und Republik St. Gallen, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 131. Heft, 2013)

Zur Christianisierung Vorarlbergs und der Ostschweiz, Vgl. Wikipedia, Iroschottische Mission bzw. Columban und Gallus.

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