verena laengle

Berenike (um kein Haar)

Landscap

Plasma im Magnetfeld, MAST Tokamak, 2017, CA BY 2.0, via Wikimedia Commons

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
             (Erklär mir, Liebe, Ingeborg Bachmann)

Erklär mir nicht
die Liebe, erklär mir, Wasserstoff!
Der war gleich nach dem großen Knall. Wenn du
dabei an Sterne denkst, die Wasserstoff verbrennen und
dabei so schön beleuchten, wer und was wir sind, dann irrst du
dich, auch wenn du völlig richtig liegst. Kein Haar auf dieser Welt,
das wir nicht fänden, überlebensgroß im All. Nein, Berenike, heute nicht.
Erklär mir nicht die Liebe, erklär mir, Wasserstoff! So wie er uns umgibt, an
Sauerstoff gebunden, ist er nichts anderes wie Wasser. Es zu lieben, weil es
uns so sanft umschließt;  Es zu fürchten, weil es uns den Atem nimmt; Nur
zu! Tauch ein und fülle deine Taschen, mit Perlmutt, Tand und Tiefsee-
Schnecken, die bei schwarzen Rauchern leben, als gäbe es
nichts Schöneres, als Stille und als Dunkelheit;

             So friedlich ist es dort  —

 

Und dann, die Bombe!
Die Fische und Atolle sprengt,
als wären sie niemals gewesen, und von dir
kein Sterbenswort. Nur ein Haar in meiner Suppe?
Also wirklich, Berenike! (Kaum ein Sternbild, schon moralisch
überlegen.) Was sind schon ein paar tote Fische gegen Unbesiegbar-
keit? Schon vergessen? Als dein König in den Krieg zieht, opferst du dein
Haar den Göttern. Das Opfer bringt den Sieg und dir den König heim. So wird
aus einem Löwen (will heißen, seiner Schwanzquaste), ein Haar am Himmel!
Erklär mir nicht, die Liebe, und die Opfer, die wir bringen. Erklär mir, wieviel
Druck und Hitze nötig sind, damit die Suppe aus superschwerem Wasser-
stoff (im Kochtopf aus Magneten) so viel Energie abwirft, dass sie für
uns alle reicht. Hier auf Erden, und weiter noch, ins All hinaus!
Mit nichts weniger werden wir zufrieden sein. Um 
             kein Haar, Berenike! Um kein Haar — 

Berenike (um kein Haar), 2024

Foto: Pilzwolke des Ivy-Mike-Kernwaffentests, Eniwetok-Atoll, 31. Oktober 1952, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Der Text bezieht sich auf das unscheinbare Sternbild Haar der Berenike bzw. seinen anekdotischen Ursprung, sowie die historische Chance einer friedlichen Nutzung der Kernfusion, wie sie im ITER Projekt vorgesehen ist. Die europäische Atomgemeinschaft sucht hier gemeinsam mit den USA, China, Japan, Russland, Indien und Südkorea nach einer Lösung für den immensen Energiehunger der expansiven Menschheit, der uns grade bis an der Rand der Selbstvernichtung bringt. Obwohl ich nichts von Kernfusion verstehe und die realen Chancen dieser Technologie nicht einschätzen kann (genauso wenig wie ihre Folgen für die Weltordnung), machen mir Gemeinschafts-Projekte dieser Art, in Zeiten wie diesen, Mut.

Danke, Anton!

Plasma im Magnetfeld, MAST Tokamak, 2017, CA BY 2.0, via Wikimedia Commons

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
            (Erklär mir, Liebe, Ingeborg Bachmann)

Erklär mir nicht
die Liebe, erklär mir, Wasserstoff!
Der war gleich nach dem großen Knall. Wenn
du dabei an Sterne denkst, die Wasserstoff verbrennen
und dabei so schön beleuchten, wer und was wir sind, dann
irrst du dich, auch wenn du völlig richtig liegst. Kein Haar auf dieser
Welt, das wir nicht fänden, überlebensgroß im All. Nein, Berenike, heute
nicht. Erklär mir nicht die Liebe, erklär mir, Wasserstoff! So wie er uns
umgibt, an Sauerstoff gebunden, ist er nichts anderes wie Wasser. Es zu
lieben, weil es uns so sanft umschließt;  Es zu fürchten, weil es uns den 
Atem nimmt; Nur zu! Tauch ein und fülle deine Taschen, mit Perlmutt,
Tand und Tiefsee-Schnecken, die bei schwarzen Rauchern leben, 
als gäbe es nichts Schöneres, als Stille und als Dunkelheit;

             So friedlich ist es dort  —

 

Und dann, die Bombe!
Die Fische und Atolle sprengt,
als wären sie niemals gewesen, und von dir
kein Sterbenswort. Nur ein Haar in meiner Suppe?
Also wirklich, Berenike! (Kaum ein Sternbild, schon moralisch
überlegen.) Was sind schon ein paar tote Fische gegen Unbesiegbar-
keit? Schon vergessen? Als dein König in den Krieg zieht, opferst du dein
Haar den Göttern. Das Opfer bringt den Sieg und dir den König heim. So
wird aus einem Löwen (will heißen, seiner Schwanzquaste), ein Haar am
Himmel! Erklär mir nicht, die Liebe, und die Opfer, die wir bringen. Erklär
mir, wieviel Druck und Hitze nötig sind, damit die Suppe aus super-schwerem Wasserstoff (im Kochtopf aus Magneten) so viel Energie
abwirft, dass sie für uns alle reicht. Hier auf Erden, und weiter
noch, ins All hinaus! Mit nichts weniger werden wir 
zufrieden sein. Um kein Haar, Berenike!
             Um kein Haar — 

Berenike (um kein Haar), 2024

Foto: Pilzwolke des Ivy-Mike-Kernwaffentests, Eniwetok-Atoll, 31. Oktober 1952, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Der Text bezieht sich auf das unscheinbare Sternbild Haar der Berenike bzw. seinen anekdotischen Ursprung, sowie die historische Chance einer friedlichen Nutzung der Kernfusion, wie sie im ITER Projekt vorgesehen ist. Die europäische Atomgemeinschaft sucht hier gemeinsam mit den USA, China, Japan, Russland, Indien und Südkorea nach einer Lösung für den immensen Energiehunger der expansiven Menschheit, der uns grade bis an der Rand der Selbstvernichtung bringt. Obwohl ich nichts von Kernfusion verstehe und die realen Chancen dieser Technologie nicht einschätzen kann (genauso wenig wie ihre Folgen für die Weltordnung), machen mir Gemeinschafts-Projekte dieser Art in Zeiten wie diesen Mut. 

Danke, Anton!

Plasma im Magnetfeld, MAST Tokamak, 2017, CA BY 2.0, via Wikimedia Commons

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts. (Erklär mir, Liebe, Ingeborg Bachmann)

Erklär mir nicht die Liebe, erklär mir, Wasserstoff! Der war gleich nach dem großen Knall. Wenn du dabei an Sterne denkst, die Wasserstoff verbrennen und dabei so schön beleuchten, wer und was wir sind, dann irrst du dich, auch wenn du völlig richtig liegst. Kein Haar auf dieser Welt, das wir nicht fänden, überlebensgroß im All. Nein, Berenike, heute nicht. Erklär mir nicht die Liebe, erklär mir, Wasserstoff! So wie er uns umgibt, an Sauerstoff gebunden, ist er nichts anderes wie Wasser. Es zu lieben, weil es uns so sanft umschließt, es zu fürchten, weil es uns den Atem nimmt; Nur zu!
Tauch ein und fülle dir die Taschen, mit Perlmutt, Tand und Tiefsee-
Schnecken, die bei schwarzen Rauchern leben, als gäbe es
nichts Schöneres, als Stille und als Dunkelheit; 
So friedlich ist es dort  —

 

Und dann, die Bombe!
Die Fische und Atolle sprengt, als wären sie niemals gewesen, und von dir kein Sterbenswort. Nur ein Haar in meiner Suppe? Also wirklich, Berenike! (Kaum ein Sternbild, schon moralisch überlegen.) Was sind schon ein paar tote Fische gegen Unbesiegbarkeit? Schon vergessen? Als dein König in den Krieg zieht, opferst du dein
Haar den Göttern. Das Opfer bringt den Sieg und dir den König heim. So wird aus einem Löwen (will heißen, seiner Schwanzquaste), ein Haar am Himmel. Erklär mir nicht, die Liebe, und die Opfer, die wir bringen. Erklär mir, wieviel Druck und Hitze nötig sind, damit die Suppe aus superschwerem
Wasserstoff (im Kochtopf aus Magneten) so viel Energie abwirft, dass sie für uns alle reicht. Hier auf Erden, und weiter noch, ins All hinaus! Mit nichts weniger werden wir zufrieden sein. Um kein Haar,  Berenike! Um kein Haar — 

Berenike (um kein Haar), 2024

Foto: Pilzwolke des Ivy-Mike-Kernwaffentests, Eniwetok-Atoll, 31. Oktober 1952, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Der Text bezieht sich auf das unscheinbare Sternbild Haar der Berenike, sowie die historische Chance einer friedlichen Nutzung der Kernfusion, wie sie im ITER
Projekt vorgesehen ist. Die europäische Atomgemeinschaft sucht hier gemeinsam mit den USA, China, Japan, Russland, Indien und Südkorea nach einer Lösung für den immensen Energiehunger der expansiven Menschheit, der uns grade bis an der Rand der Selbstvernichtung bringt. Obwohl ich nichts von Kernfusion verstehe und die realen Chancen dieser Technologie nicht einschätzen kann (genauso wenig wie ihre Folgen für die Weltordnung), machen mir Gemeinschafts-Projekte dieser Art in Zeiten wie diesen Mut.

Danke, Anton!

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