Roter Faden

Großes grünes Heupferd (Tettigonia viridissima) by Monika Betley, CC BY-SA 3.0, via Wikmedia Commons

Der Wäschekorb geht in die
Binsen. Der Deckel ist so ausgefranst, dass er
ins Innere zu stürzen droht, daraus der Mief gebrauchter Wäsche.
Ich finde eine Nadel, schneide (ausgerechnet rotes) Garn zurecht, spüre etwas
in die Gänge kommen, das ich viel zu lange aufgeschoben habe, dabei läuft es wie geschmiert: das Anfeuchten und Zuspitzen des Garns (mit den Lippen und der Zunge), die langsame Bewegung Richtung Nadelöhr (eine Fahrt ins Ungewisse), Erleichterung beim ersten Durchstich, viele Male das Umwickeln
aufgelöster Stränge; das Anziehen,
das
Verknoten, das Abschneiden eines (anfangs) elendslangen Fadens (weil das
rechte Maß noch fehlt), das Hadern (weil die Arbeit niemals endet),
           
nach und nach das völlige Versinken…

 

Sowas wie Bedauern,
dass alles irgendwann zu Ende geht?
Die finale Inspektion, der Test, ob der Deckel wieder passt,
Triumpf (er passt) und noch etwas: das rote Garn, das im Nähkorb einfach nur
zuoberst lag, w
ar die allerbeste Wahl, weil ROT den Blick anzieht (wie Großbuchstaben), immer wieder, also wiederholte Freude am Ergebnis. Ah, gelobt sind solche Werke!
Wie die von Käfern oder Wespen, die so sehr in ihrer Arbeit aufgehen, dass sie einfach weitermachen, selbst wenn Baumaterial verschwindet
, Wege verlegt sind oder (vielleicht zu Forschungszwecken) das ganze Werk zum Einsturz kommt. 
             Sie machen weiter, folgen ihrem roten Faden

 

Kurz bevor die Nacht anbricht,
der ungeheuerliche Schatten einer kleinen Kreatur,
die ihren Legestachel direkt auf meinem Weg (der obendrein
beleuchtet ist) ins aufgeheizte Kiesbett bohrt. Sie muss das Beben spüren,

das von mir und
meinen Schritten ausgeht. Als großes (grünes) Heupferd könnte sie wegfliegen, aber nein, sie bleibt. Unter meinem Schutz (der für sie keiner ist)
vollendet sie
ihr Lebenswerk. Dann stakst sie auf ungleichen Beinen davon.

               Hinter ihr schließt sich das Dunkel.

Jean-Henri Fabre gewidmet, 2022

foto: Wäschekorb, eigenes Bild, 2022

Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) hat die Lebensweise von Insekten erforscht, ihre Intelligenz und „Arbeitsmoral“ mit einer Fülle kreativer Experimente (im Feld und zuhause) ausgelotet und darüber so lebendig geschrieben, dass er als Entomologe für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Bekommen hat ihn der Dramatiker Gerhart Hauptmann.

Alle Korbflechter mögen mir meine stümperhafte Arbeit (im Bild oben) verzeihen. Das Bild dient nur zur Illustration, wie ähnlich, parallel oder sogar synchron, kreative Prozesse in der gesamten Natur ablaufen.

Großes grünes Heupferd (Tettigonia viridissima) by Monika Betley, CC BY-SA 3.0, via Wikmedia Commons

Der Wäschekorb geht in die
Binsen. Der Deckel ist so ausgefranst,
dass er ins Innere zu stürzen droht, daraus der Mief
gebrauchter Wäsche. Ich finde eine Nadel, schneide (ausgerechnet
rotes) Garn zurecht, spüre etwas in die Gänge kommen, das ich viel zu lange aufgeschoben habe, dabei läuft es wie geschmiert: das Anfeuchten und Zuspitzen des Garns (mit den Lippen und der Zunge), die langsame Bewegung Richtung Nadelöhr (eine Fahrt ins Ungewisse), Erleichterung beim ersten Durchstich, viele Male das Umwickeln
aufgelöster Stränge, das Anziehen, das Verknoten, das Abschneiden eines (anfangs) elendslangen Fadens (weil das rechte
Maß noch fehlt), das Hadern (weil Arbeit niemals endet),
             nach und nach
das völlige Versinken…

 

Sowas wie Bedauern,
dass alles irgendwann zu Ende geht?
Die finale Inspektion, der Test, ob der Deckel wieder
passt, Triumpf (er passt) und noch etwas: das rote Garn, das
im Nähkorb einfach nur zuoberst lag, war die allerbeste Wahl
, weil ROT
den Blick anzieht (wie Großbuchstaben), immer wieder, also wiederholte Freude
am Ergebnis. Ah, gelobt sind solche Werke! Wie die von Käfern oder Wespen, die so sehr in ihrer Arbeit aufgehen, dass sie einfach weitermachen, selbst wenn
Baumaterial verschwindet, Wege verlegt sind oder (vielleicht zu Forschungs-zwecken) das ganze Werk zum Einsturz kommt. Sie machen weiter,
             folgen ihrem roten Faden

 

Kurz bevor die Nacht anbricht,
der ungeheuerliche Schatten einer kleinen Kreatur,
die
ihren Legestachel direkt auf meinem Weg (der obendrein beleuchtet
ist)
ins aufgeheizte Kiesbett bohrt. Sie muss das Beben spüren, das von mir und meinen Schritten ausgeht. Als großes (grünes) Heupferd könnte sie wegfliegen, aber nein, sie bleibt. Unter meinem Schutz (der für sie keiner ist) vollendet sie
ihr Lebenswerk. D
ann stakst sie auf ungleichen Beinen davon.
               Hinter ihr
schließt sich das Dunkel.

Jean-Henri Fabre gewidmet, 2022

foto: Wäschekorb, eigenes Bild, 2022

Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) hat die Lebensweise von Insekten erforscht, ihre Intelligenz und „Arbeitsmoral“ mit einer Fülle kreativer Experimente (im Feld und zuhause) ausgelotet und darüber so lebendig geschrieben, dass er als Entomologe für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Bekommen hat ihn der Dramatiker Gerhart Hauptmann.

Alle Korbflechter mögen mir meine stümperhafte Arbeit (im Bild oben) verzeihen. Das Bild dient nur zur Illustration, wie ähnlich, parallel oder sogar synchron, kreative Prozesse in der gesamten Natur ablaufen.

Großes grünes Heupferd (Tettigonia viridissima) by Monika Betley, CC BY-SA 3.0, via Wikmedia Commons

Der Wäschekorb geht in die Binsen. Der Deckel ist so ausgefranst, dass er ins Innere zu stürzen droht, daraus der Mief gebrauchter Wäsche. Ich finde eine Nadel, schneide (ausgerechnet rotes) Garn zurecht, spüre etwas in die Gänge kommen, das ich viel zu lange aufgeschoben habe, dabei läuft es wie geschmiert: das Anfeuchten und Zuspitzen des Garns (mit den Lippen und der Zunge), die langsame Bewegung Richtung Nadelöhr (eine Fahrt ins Ungewisse), Erleichterung beim ersten Durchstich, viele Male das Umwickeln aufgelöster Stränge; das Anziehen, das Verknoten, das Abschneiden eines (anfangs) elendslangen Fadens (weil das rechte Maß noch fehlt), das Hadern (weil die Arbeit niemals endet),  nach und nach das völlige Versinken…

 

Sowas wie Bedauern, dass alles irgendwann zu Ende geht? Die finale Inspektion, der Test, ob der Deckel wieder passt, Triumpf (er passt) und noch etwas: das rote Garn (das im Nähkorb einfach nur zuoberst lag) war die allerbeste Wahl, weil ROT den Blick anzieht (wie Großbuchstaben), immer wieder, also wiederholte Freude am Ergebnis. Ah, gelobt sind solche Werke! Wie die von Käfern oder Wespen, die so sehr in ihrer Arbeit aufgehen, dass sie einfach weitermachen, selbst wenn Baumaterial verschwindet, Wege verlegt sind oder (vielleicht zu Forschungszwecken) das ganze Werk zum Einsturz kommt. Sie machen weiter, folgen ihrem roten Faden

 

Kurz bevor die Nacht anbricht, der ungeheuerliche Schatten einer kleinen Kreatur, die ihren Legestachel direkt auf meinem Weg (der obendrein beleuchtet ist)
ins aufgeheizte Kiesbett bohrt. Sie muss das Beben spüren,
das von mir und meinen Schritten ausgeht. Als großes (grünes) Heupferd könnte sie wegfliegen, aber nein, sie bleibt. Unter meinem Schutz (der für sie keiner ist) vollendet sie ihr Lebenswerk. Dann stakst sie auf ungleichen Beinen davon. Hinter ihr schließt sich das Dunkel.

Jean-Henri Fabre gewidmet, 2022

foto: Wäschekorb, eigenes Bild, 2022

Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) hat die Lebensweise von Insekten erforscht, ihre Intelligenz und „Arbeitsmoral“ mit einer Fülle kreativer Experimente (im Feld und zuhause) ausgelotet und darüber so lebendig geschrieben, dass er als Entomologe für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Bekommen hat ihn der Dramatiker Gerhart Hauptmann.

Alle Korbflechter mögen mir meine stümperhafte Arbeit (im Bild oben) verzeihen. Das Bild dient nur zur Illustration, wie ähnlich, parallel oder sogar synchron, kreative Prozesse in der gesamten Natur ablaufen.